Pygmalion

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Johann Wolfgang Goethe: Pygmalion (1790)

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Es war einmal ein Hagenstolz,
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Der hieß Pygmalion;
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Er machte manches Bild von Holz.
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Von Marmor und von Ton.

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Und dieses war sein Zeitvertreib
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Und alle seine Lust.
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Kein junges, schönes, sanftes Weib
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Erwärmte seine Brust.

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Denn er war klug und furchte sehr
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Der Hörner schwer Gewicht;
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Denn schon seit vielen Jahren her
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Traut man den Weibern nicht.

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Doch es sei einer noch so wild,
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Gern wird er Mädchen sehn.
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Drum macht' er sich gar manches Bild
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Von Mädchen jung und schön.

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Einst hatt er sich ein Bild gemacht,
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Es staunte, wer es sah;
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Es stand in aller Schönheit Pracht
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Ein junges Mädchen da.

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Sie schien belebt und weich und warm,
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War nur von kaltem Stein;
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Die hohe Brust, der weiße Arm
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Lud zur Umarmung ein.

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Das Auge war empor gewandt,
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Halb auf zum Kuß der Mund.
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Er sah das Werk von seiner Hand,
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Und Amor schoß ihn wund.

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Er war von Liebe ganz erfüllt,
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Und was die Liebe tut!
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Er geht, umarmt das kalte Bild,
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Umarmet es mit Glut.

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Da trat ein guter Freund herein
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Und sah dem Narren zu,
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Sprach: »Du umarmest harten Stein,
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O welch ein Tor bist du!

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Ich kauft ein schönes Mädchen mir,
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Willst du, ich geb dir sie?
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Und sie gefällt gewißlich dir
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Weit besser als wie die.

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Sag, ob du es zufrieden bist –«
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Er sah es nun wohl ein,
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Ein Mädchen, das lebendig ist,
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Sei besser als von Stein.

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Er spricht zu seinem Freunde: »Ja.«
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Der geht und holt sie her.
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Er glühte schon, eh er sie sah,
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Jetzt glüht er zweimal mehr.

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Er atmet tief, sein Herze schlug,
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Er eilt, und ohne Trau
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Nimmt er – man ist nicht immer klug –,
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Nimmt er sie sich, zur Frau.

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Flieht, Freunde, ja die Liebe nicht,
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Denn niemand flieht ihr Reich:
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Und wenn euch Amor einmal kriegt,
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Dann ist es aus mit euch.

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Wer wild ist, alle Mädchen flieht,
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Sich unempfindlich glaubt,
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Dem ist, wenn er ein Mädchen sieht,
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Das Herze gleich geraubt.

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Drum seht oft Mädchen, küsset sie,
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Und liebt sie auch wohl gar,
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Gewöhnt euch dran, und werdet nie
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Ein Tor, wie jener war.

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Nun, lieben Freunde, merkt euch dies
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Und folget mir genau;
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Sonst straft euch Amor ganz gewiß
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Und gibt euch eine Frau.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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