Elegie auf den Tod des Bruders

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Johann Wolfgang Goethe: Elegie auf den Tod des Bruders (1790)

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Im düstern Wald, auf der gespaltnen Eiche,
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Die einst der Donner hingestreckt,
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Sing ich um deines Bruders Leiche,
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Die fern von uns ein fremdes Grab bedeckt.

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Nah schon dem Herbste seiner Jahre,
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Hofft' er getrost der Taten Lohn;
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Doch unaufhaltsam trug die Bahre
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Ihn schnell davon.

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Du weinest nicht? – Dir nahm ein langes Scheiden
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Die Hoffnung, ihn hier noch einmal zu sehn.
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Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn;
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Du sahst's und konntest nichts als ihn beneiden.

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Doch horch – Welch eine Stimm voll Schmerz
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Tönt in mein Ohr von seinem Grabe?
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Ich eil, ich seh, sie ist's! Ihr Herz
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Liegt mit in seinem Grabe.

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Verlassen, ohne Trost liegt hie,
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Mit ängstlicher Gebärde
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Zu Gott gekehrt, als hoffte sie,
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Das schönste Mädchen an der Erde.

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Nie hat ein Herz so viel gelitten,
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Herr, sieh herab auf ihre Not,
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Und schenke gnädig ihren Bitten
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Sein Leben oder ihren Tod.

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O Gott, bestrafest du die Liebe,
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Du Wesen voller Lieb und Huld?
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Denn nichts als eine heil'ge Liebe
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War dieser Unglücksel'gen Schuld.

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Sie hofft' im hochzeitlichen Kleide
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Bald mit ihm zum Altar zu ziehn;
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Da riß sein Fürst von ihrer Seite
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Tyrannisch ihn.

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O Fürst, du kannst die Menschen zwingen,
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Für dich allein ihr Leben zuzubringen,
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Das wird man deinem Stolz verzeihn;
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Doch willst du ihre Seelen binden,
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Durch dich zu denken, zu empfinden,
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Das muß zu Gott um Rache schrein.

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Wie ward sein großes Herz durchstochen,
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Als er, der nie sein Wort gebrochen,
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Sein Wort zum ersten Male brach,
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Zum ersten Mal es der Geliebten brach,
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Der, eh es noch sein Mund versprach,
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Sein Herz ein ewig Band versprochen.

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»als Bürger der bedrängten Erde«,
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Sprach er, »kann ich nie deine sein;
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Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde,
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Soll dich mein Tod befrein.
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Leb wohl, es wein bei meinem Grabe
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Jed' zärtlich Herz, gerührt von meiner Treu,
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Dann eil die stolze Tyrannei,
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Der ich schon längst vergeben habe,
53
Daß sie des Grabes Ursach sei,
54
Unwillig fühlend, schnell vorbei.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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