Triumph der Tugend

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Johann Wolfgang Goethe: Triumph der Tugend (1790)

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Ich fand mein Mädchen einst allein
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Am Abend so, wie ich sie selten finde.
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Entkleidet sah ich sie; dem guten Kinde
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Fiel es nicht ein,
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Daß ich so nahe bei ihr sein,
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Neugierig sie betrachten könnte.
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Was sie mir nie zu sehn vergönnte,
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Des Busens volle Blüten wies
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Sie dem verschwiegnen, kalten Spiegel, ließ
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Das Haar geteilt von ihrem Scheitel fallen,
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Wie Rosenzweig' um Knospen, um den Busen wallen.

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Ganz außer mir vom niegefundnen Glück
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Sprang ich hervor. Jedoch wie schmollte
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Sie, da ich sie umarmen wollte.
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Zorn sprach ihr furchtsam wilder Blick,
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Die eine Hand stieß mich zurück,
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Die andre deckte das, was ich nicht sehen sollte.
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»geh!« rief sie, »soll ich deine Kühnheit dir
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Verzeihen; eile weg von hier.«

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Ich fliehn? Von heißer Glut durchdrungen –
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Ohnmöglich – Diese schöne Zeit
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Von sich zu stoßen! Die Gelegenheit
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Kömmt nicht so leicht zurück. Voll Zärtlichkeit
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Den Arm um ihren Hals gezwungen, stand
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Ich neben ihrem Sessel, meine warme Hand
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Auf ihrem heißen Busen, den zuvor
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Sie nie berühret. Hoch empor
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Stieg er und trug die Hand mit sich empor,
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Dann sank mit einem tiefen Atemzug er wieder
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Und zog die Hand mit sich hernieder.
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So stand Dianens Jäger mutig da,
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Triumph gen Himmel hauchend, als er sah,
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Was ungestraft kein Sterblicher noch sah.

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Mein Mädchen schwieg und sah mich an; ein Zeichen,
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Die Grausamkeit fing' an, sich zu erweichen,
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Geschmolzen durch die Fühlbarkeit.
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O Mädchen, soll mit list'gen Streichen
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Kein Jüngling seinen Zweck erreichen,
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So müßt ihr niemals ruhig schweigen,
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Wenn ihr mit ihm alleine seid.

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Mein Arm umschlang mit angestrengten Sehnen
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Die weiche Hüfte. Fast – fast – doch des Sieges Lauf
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Hielt schnell ein glühnder Strom von Tränen
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Unwiderstehlich auf.
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Sie stürzt' mir um den Hals, rief schluchsend: »Rette
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Mich Unglückselige, die niemand retten kann
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Als du, Geliebter. Gott! ach hätte
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Dir nie dies Herz gebrannt! Ich sah dich, da begann
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Mein Elend; bald, bald ist's vollendet.
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O Mutter, welchen Lohn
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Gab ich den treuen Lehren, die du mir verschwendet,
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Dies Herz zu bilden! Mußte sich dein Drohn
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So fürchterlich erfüllen:
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Würd ich eine Tat
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Vor dir verhüllen,
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Deinen Rat
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Verachten, selbst mich weise dünken,
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Würd ich versinken.
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Ich sinke schon; o rette mich! –
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Sei stark, mein Freund, o rette dich!
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Wir beide sind verloren – Freund, Erbarmen!«

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Noch hielt ich sie in meinen Armen.
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Sie sah voll Angst rings um sich her.
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Wie Wellen auf dem Meer,
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Des Grund erbebte, schlug die Brust, dem Munde
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Entrauscht' ein Sturm. Sie seufzte: »Unschuld – ach, wie klang
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Dies Wort so lieblich, wenn in mitternächt'ger Stunde
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An meinem Haupt es mir mein Engel sang.
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Jetzt rauscht's wie ein Gewitterton vorüber.«
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Sie rief's. Es ward ihr Auge trüber,
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Sah sternenan. Sie betet': »Sieh
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Aus deiner Unschuldswohnung, Herr, auf mich herüber,
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Erbarme dich! Entzieh
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Der reißenden Gefahr mich. Du
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Vermagst's allein; der ist zu schwach dazu,
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Der Mensch, zu dem ich vor dir betete.«

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Naht euch, Verführer, deren Wange nie
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Von heil'gem Graun errötete,
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Wenn eure Hand gefühllos, wie
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Die Schnitter Blumen, Unschuld tötete,
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Und euer Siegerfuß, darüber tretend, sie
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Durch Hohn zum zweiten Male tötete,
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Naht euch. Betrachtet hie
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Der Vielgeliebten Tränen rollen;
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Hört ihre Seufzer, hört die feuervollen
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Gebete. Wehe dem, der dann
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Noch einen Wunsch zu ihrem Elend wollen,
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Noch einen Schritt zum Raube wagen kann!

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Es sank mein Arm, aus ihm zur Erd sie nieder,
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Ich betet, weint und riß mich los und floh.

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Den nächsten Tag fand ich sie wieder
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Bei ihrer Mutter, als sie froh
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Der freudbetränten Mutter Unschuldslieder
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Mit Engelstimmen sang.

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O Gott, wie drang ein Wonnestrahl durchs Herz mir! Nieder
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Zur Erde blickend stand
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Ich da. Sie faßt' mich bei der Hand,
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Führt' mich vertraulich auf die Seite
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Und sprach: »Dank es dem harten Streite,
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Daß du zur Sonn unschuldig blickst,
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Beim Anblick jener Heil'gen nicht erschrickst,
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Mich nicht verachtend von dir schickst.
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Freund, dieses ist der Tugend Lohn;
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O wärst du gestern tränend nicht entflohn,
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Du sähst mich heute
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Und ewig nie mit Freude.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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