Kunst, die Spröden zu fangen

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Johann Wolfgang Goethe: Kunst, die Spröden zu fangen (1790)

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Ich seh's, du kennst sie nicht, die Liebe, dacht ich,
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Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht.
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Wie leicht wird's sein, dich zu entzünden,
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Da du so unerfahren bist?
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Die Liebe sollst du bald empfinden,
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Und sollst nicht wissen, daß sie's ist.

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Dem Mädchen ward nebst andern Gaben
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Viel feuriges Gefühl geschenkt,
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Da meint's, es denke gleich erhaben,
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Da es doch nichts als feurig denkt.

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Was bei des Jünglings Blicken
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Ein jedes Mädchen fühlt,
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War das, was mit Entzücken
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Sie nur für Freundschaft hielt.

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Einst saß sie, meinen Lehren
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Aufmerksam zuzuhören;
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Da sprach ich: »Du mußt wissen,
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Daß auch die Freunde küssen,
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Die Freunde so wie ich und du –«
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Ich wagt es – und sie ließ es zu.

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Da ich den ersten so leicht erhalten hatte, konnte ich noch eher auf den zweeten hoffen.

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Nie schmeckt ein Mädchen einen Kuß,
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Die sich nicht nach dem zweeten sehnte.
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Oft wiederholt ich meinen Kuß,
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Daß sie sich bald daran gewöhnte.
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Wenn ich sie sah und sie nicht küßte,
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Sprach gleich ihr Blick, daß sie etwas vermißte.

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Der glückliche Fortgang meiner Eroberungen machte mich stolz, und wer stolz ist, ist kühn.

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So schwer ist's nicht, wie ich geglaubt,
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Dem Mädchen eine Gunst zu rauben;
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Hat sie uns nur erst eins erlaubt,
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Das andre wird sie schon erlauben.

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Da wagt's mein Arm, sie zu umschließen.
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Sie ließ es zu.
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Da wagt's mein Mund, die weiße Brust zu küssen.
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Sie ließ es zu.
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Doch eilends sprang sie auf. »Dich werd ich fliehen müssen,
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Gefährlicher!« rief sie und ließ nichts weiter zu
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Und floh. Soweit gelang mir mein Bemühen.
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Ich folg ihr langsam, da sie flieht;
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Denn eher wird sie bei dem Fliehen
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Als ich bei dem Verfolgen müd.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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