Lyde

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Wolfgang Goethe: Lyde (1790)

1
Euer Beifall macht mich freier,
2
Mädchen, hört ein neues Lied.
3
Doch verzeiht, wenn meine Leier
4
Nicht von jenem heil'gen Feuer
5
Der geweihten Dichter glüht.

6
Hört von mir, was wenig wissen,
7
Hört's, und denket nach dabei:
8
Daß, wenn zwei sich zärtlich küssen,
9
Gern sich sehn und ungern missen,
10
Es nicht stets aus Liebe sei.

11
Lyde brannt von einem Blicke
12
Für Aminen, er für sie;
13
Doch ein widriges Geschicke
14
Hinderte noch beider Glücke,
15
Ihre Eltern schliefen nie.

16
Wachsamkeit wird euch nichts taugen,
17
Wenn die Töchter unser sind;
18
Eltern, habet hundert Augen,
19
Mädchen, wenn sie List gebrauchen,
20
Machen hundert Augen blind.

21
Listig hofft sie, eine Stunde
22
Ihre Wächter los zu sein.
23
Endlich kommt die Schäferstunde,
24
Und von ihrem heißen Munde
25
Saugt Amin die Wollust ein.

26
So genoß, entfernt vom Neide,
27
Er noch manchen süßen Kuß.
28
Doch er ward so vieler Beute
29
Überdrüssig. Jede Freude
30
Endigt sich mit dem Genuß.

31
Ist wohl bei des Blutes Wallen,
32
Denkt er, immer Liebe da?
33
Liebt sie mich denn wohl vor allen?
34
Oder hab ich ihr gefallen,
35
Weil sie mich am ersten sah?

36
Einst spricht er, dies auszuspüren:
37
»ach, wie quält mein Vater mich!
38
Fern soll ich die Herde führen –
39
Himmel! Dich soll ich verlieren!
40
Ha, das Leben eh'r als dich!

41
Liebste, nein, ich komme wieder,
42
Doch der beste Freund von mir«
43
(hier sah sie zur Erde nieder)
44
»singet angenehme Lieder,
45
Diesen Freund, den laß ich dir.«

46
Lyde denkt an keine Tücke,
47
Weint und geht es weinend ein.
48
Ungern flieht Amin sein Glücke,
49
Listig bleibt der Freund zurücke,
50
Oft ist er mit ihr allein.

51
Viel singt er von Glut und Liebe,
52
Sie wird feurig, er wird kühn.
53
Sie empfindet neue Triebe,
54
Und Gelegenheit macht Diebe.
55
Endlich – Gute Nacht, Amin.

56
Kinder, seht, da müßt ihr wachen,
57
Euch vom Irrtum zu befrein.
58
Glaubet nie den Schein der Sachen,
59
Sucht euch ja gewiß zu machen,
60
Eh ihr glaubt, geliebt zu sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.