Ziblis

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Johann Wolfgang Goethe: Ziblis (1790)

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Mädchen, setzt euch zu mir nieder,
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Niemand stört hier unsre Ruh,
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Seht, es kommt der Frühling wieder,
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Weckt die Blumen und die Lieder,
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Ihn zu ehren, hört mir zu.

6
Weise, strenge Mütter lehren:
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»mädchen, flieht der Männer List!«
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Und doch laßt ihr euch betören!
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Hört, ihr sollt ein Beispiel hören,
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Wer am meisten furchtbar ist.

11
Ziblis, jung und schön, zur Liebe,
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Zu der Zärtlichkeit gemacht,
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Floh aus rauhem, wilden Triebe,
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Nicht aus Tugend alle Liebe,
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Ihre Freude war die Jagd.

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Als sie einst tief im Gesträuche
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Sorglos froh ein Liedchen sang,
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Ward sie blaß wie eine Leiche,
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Da aus einer alten Eiche
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Ein gehörnter Waldgott sprang.

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Zärtlich lacht das Ungeheuer,
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Ziblis wendet ihr Gesicht,
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Läuft, doch der gehörnte Freier
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Springt ihr wie ein hüpfend Feuer
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Nach und ruft: »O flieh mich nicht!«

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Schrei'n kann niemals überwinden.
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Sie lief schneller, er ihr nach.
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Endlich kam sie zu den Gründen,
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Da, wo unter jungen Linden
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Emiren am Wasser lag.

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»hilf mir!« rief sie. Er, voll Freude,
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Daß er so die Nymphe sah,
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Stand bewaffnet zu dem Streite
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Mit dem Ast der nächsten Weide,
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Als der Waldgott kam, schon da.

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Der trat näher, ihn zu höhnen,
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Und ging schnell den Zweikampf ein.
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Sie erbebt für Emirenen.
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Immer wird das Herz der Schönen
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Auf des Schönen Seite sein.

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Seinen Feind im Sand zu höhnen,
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Regt sich Fuß und Arm und Hand,
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Bald mit Stoßen, bald mit Dehnen.
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Liebe stärkt die Kraft der Sehnen,
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Beide waren gleich entbrannt.

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Endlich sinkt der Faun zur Erden,
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Denn ihn traf ein harter Streich.
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Gräßlich zerrt er die Gebärden;
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Emiren, ihn loszuwerden,
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Wirft ihn in den nächsten Teich.

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Ziblis lag mit matten Blicken,
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Da der Sieger kam, im Gras.
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Wird's ihm, ihr zu helfen, glücken?
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Leicht sind Mädchen zu erquicken,
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Oft ist ihre Krankheit Spaß.

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Sie erhebt sich. Neues Leben
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Gibt ein heißer Kuß ihr gleich.
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Doch, der einen schon gegeben,
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Sollte nicht nach mehrern streben?
60
Das sieht einem Märchen gleich.

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Wartet nur. Es folgten Küsse
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Hundertweis; sie schmeckten ihr.
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Ja, die Mäulchen schmecken süße.
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Und bei Ziblis waren diese
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Gar die ersten. Glaubt es mir.

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Darum sog mit langen Zügen
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Sie begierig immer mehr.
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Endlich trunken von Vergnügen,
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Ward dem Emiren das Siegen,
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Wie ihr denken könnt, nicht schwer.

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Mädchen, fürchtet rauher Leute
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Buhlerische Wollust nie.
73
Die im ehrfurchtsvollen Kleide
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Viel von unschuldsvoller Freude
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Reden, Mädchen, fürchtet die.

76
Wacht, denn da ist nichts zu scherzen.
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Seid viel lieber klug als kalt.
78
Zittert stets für eure Herzen.
79
Hat man einmal diese Herzen,
80
Ha, das andre hat man bald!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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