Zahme Xenien

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Johann Wolfgang Goethe: Zahme Xenien (1825)

1
Lasset walten, lasset gelten,
2
Was ich wunderlich verkündigt!
3
Dürftet ihr den Guten schelten,
4
Der mit seiner Zeit gesündigt?

5
Nichts wird rechts und links mich kränken,
6
Folg ich kühn dem raschen Flug;
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Wollte jemand anders denken,
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Ist der Weg ja breit genug.

9
Schwärmt ihr doch zu ganzen Scharen
10
Lieber als in wenig Paaren,
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Laßt mir keine Seite leer!
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Sumst umher, es wird euch glücken!
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Einzeln stechen auch die Mücken,
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Braucht nicht gleich ein ganzes Heer.

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Da ich viel allein verbleibe,
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Pflege weniges zu sagen;
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Da ich aber gerne schreibe,
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Mögen's meine Leser tragen!
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Sollte heißen: gern diktiere,
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Und das ist doch auch ein Sprechen,
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Wo ich keine Zeit verliere;
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Niemand wird mich unterbrechen.

23
Wie im Auge mit fliegenden Mücken,
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So ist's mit Sorgen ganz genau;
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Wenn wir in die schöne Welt hineinblicken,
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Da schwebt ein Spinnewebengrau;
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Es überzieht nicht, es zieht nur vorüber,
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Das Bild ist gestört, wenn nur nicht trüber;
29
Die klare Welt bleibt klare Welt:
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Im Auge nur ist's schlecht bestellt.

31
Trage dein Übel, wie du magst,
32
Klage niemand dein Mißgeschick;
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Wie du dem Freunde
34
Gibt er dir gleich ein Dutzend zurück!

35
In keiner Gilde kann man sein,
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Man wisse denn zu schultern fein;
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Das, was sie lieben, was sie hassen,
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Das muß man eben geschehen lassen;
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Das, was sie wissen, läßt man gelten,
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Was sie nicht wissen, muß man schelten,
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Althergebrachtes weiterführen,
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Das Neue klüglich retardieren;
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Dann werden sie dir zugestehn,
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Auch nebenher deinen Weg zu gehn.

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Doch würden sie, könnt es gelingen,
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Zum Widerruf dich pfäffisch zwingen.

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Hemmet ihr verschmähten Freier
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Nicht die schlechtgestimmte Leier,
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So verzweifl' ich ganz und gar;
50
Isis zeigt sich ohne Schleier,
51
Doch der Mensch, er hat den Star.

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Die geschichtlichen Symbole –
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Törig, wer sie wichtig hält;
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Immer forschet er ins Hohle
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Und versäumt die reiche Welt.

56
Suche nicht verborgne Weihe!
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Unterm Schleier laß das Starre!
58
Willst du leben, guter Narre,
59
Sieh nur hinter dich ins Freie.

60
Einheit ewigen Lichts zu spalten,
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Müssen wir für törig halten,
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Wenn euch Irrtum schon genügt.
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Hell und Dunkel, Licht und Schatten,
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Weiß man klüglich sie zu gatten,
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Ist das Farbenreich besiegt.

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Die beiden lieben sich gar fein,
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Mögen nicht ohne einander sein.
68
Wie eins im andern sich verliert,
69
Manch buntes Kind sich ausgebiert,
70
Im eignen Auge schaue mit Lust,
71
Was Plato von Anbeginn gewußt;
72
Denn das ist der Natur Gehalt,
73
Daß außen gilt, was innen galt.

74
Freunde, flieht die dunkle Kammer,
75
Wo man euch das Licht verzwickt
76
Und mit kümmerlichstem Jammer
77
Sich verschrobnen Bildern bückt.
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Abergläubische Verehrer
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Gab's die Jahre her genug,
80
In den Köpfen eurer Lehrer Laßt
81
Gespenst und Wahn und Trug.

82
Wenn der Blick an heitern Tagen
83
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
84
Beim Sirok der Sonnenwagen
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Purpurrot sich niedersenkt,
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Da gebt der Natur die Ehre,
87
Froh, an Aug und Herz gesund,
88
Und erkennt der Farbenlehre
89
Allgemeinen, ewigen Grund.

90
Das wirst du sie nicht überreden,
91
Sie rechnen dich ja zu den Blöden,
92
Von blöden Augen, blöden Sinnen;
93
Die Finsternis im Lichte drinnen,
94
Die kannst du ewig nicht erfassen;
95
Mußt das den Herren überlassen,
96
Die's zu beweisen sind erbötig.
97
Gott sei den guten Schülern gnädig!

98
Mit Widerlegen, Bedingen, Begrimmen
99
Bemüht und brüstet mancher sich;
100
Ich kann daraus nichts weiter gewinnen,
101
Als daß er anders denkt wie ich.

102
Wie man die Könige verletzt,
103
Wird der Granit auch abgesetzt;
104
Und Gneis, der Sohn, ist nun Papa!
105
Auch dessen Untergang ist nah:
106
Denn Plutos Gabel drohet schon
107
Dem Urgrund Revolution;
108
Basalt, der schwarze Teufelsmohr,
109
Aus tiefster Hölle bricht hervor,
110
Zerspaltet Fels, Gestein und Erden,
111
Omega muß zum Alpha werden.
112
Und so wäre denn die liebe Welt
113
Geognostisch auch auf den Kopf gestellt.

114
Kaum wendet der edle Werner den Rücken,
115
Zerstört man das Poseidaonische Reich;
116
Wenn alle sich vor Hephästos bücken,
117
Ich kann es nicht sogleich;
118
Ich weiß nur in der Folge zu schätzen.
119
Schon hab ich manches Credo verpaßt;
120
Mir sind sie alle gleich verhaßt,
121
Neue Götter und Götzen.

122
Ursprünglich eignen Sinn
123
Laß dir nicht rauben!
124
Woran die Menge glaubt,
125
Ist leicht zu glauben.

126
Natürlich mit Verstand
127
Sei du beflissen;
128
Was der Gescheite weiß,
129
Ist schwer zu wissen.

130
Je mehr man kennt, je mehr man weiß,
131
Erkennt man: alles dreht im Kreis;
132
Erst lehrt man jenes, lehrt man dies,
133
Nun aber waltet ganz gewiß
134
Im innern Erdenspatium
135
Pyro-Hydrophylacium,
136
Damit's der Erden Oberfläche
137
An Feuer und Wasser nicht gebreche.
138
Wo käme denn ein Ding sonst her,
139
Wenn es nicht längst schon fertig wär?
140
So ist denn, eh man sich's versah,
141
Der Pater Kircher wieder da.
142
Will mich jedoch des Worts nicht schämen:
143
Wir tasten ewig an Problemen.

144
Keine Gluten, keine Meere
145
Geb ich in dem Innern zu;
146
Doch allherrschend waltet Schwere,
147
Nicht verdammt zu Tod und Ruh.
148
Vom lebendigen Gott lebendig,
149
Durch den Geist, der alles regt,
150
Wechselt sie, nicht unbeständig,
151
Immer in sich selbst bewegt.

152
Seht nur hin! Ihr werdet's fassen!
153
Wenn Merkur sich hebt und neigt,
154
Wird im Anziehn, im Entlassen
155
Atmosphäre schwer und leicht.

156
Mir genügt nicht eure Lehre:
157
Ebb und Flut der Atmosphäre –
158
Denk sich's jeder, wie er kann!
159
Will mich nur an Hermes halten;
160
Denn des Barometers Walten
161
Ist der Witterung Tyrann.

162
Westen mag die Luft regieren,
163
Sturm und Flut nach Osten führen,
164
Wenn Merkur sich schläfrig zeigt;
165
Aller Elemente Toben,
166
Osther ist es aufgehoben,
167
Wenn er aus dem Schlummer steigt.

168
Das Leben wohnt in jedem Sterne:
169
Er wandelt mit den andern gerne
170
Die selbsterwählte reine Bahn;
171
Im innern Erdenball pulsieren
172
Die Kräfte, die zur Nacht uns führen
173
Und wieder zu dem Tag heran.

174
Wenn im Unendlichen dasselbe
175
Sich wiederholend ewig fließt,
176
Das tausendfältige Gewölbe
177
Sich kräftig ineinander schließt,
178
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
179
Dem kleinsten wie dem größten Stern
180
Und alles Drängen, alles Ringen
181
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.

182
Nachts, wann gute Geister schweifen,
183
Schlaf dir von der Stirne streifen,
184
Mondenlicht und Sternenflimmern
185
Dich mit ewigem All umschimmern,
186
Scheinst du dir entkörpert schon,
187
Wagest dich an Gottes Thron.

188
Aber wenn der Tag die Welt
189
Wieder auf die Füße stellt,
190
Schwerlich möcht er dir's erfüllen
191
Mit der Frühe bestem Willen;
192
Zu Mittag schon wandelt sich
193
Morgentraum gar wunderlich.

194
Sei du im Leben wie im Wissen
195
Durchaus der reinen Fahrt beflissen;
196
Wenn Sturm und Strömung stoßen, zerrn,
197
Sie werden doch nicht deine Herrn;
198
Kompaß und Pol-Stern, Zeitenmesser
199
Und Sonn und Mond verstehst du besser,
200
Vollendest so nach deiner Art
201
Mit stillen Freuden deine Fahrt.
202
Besonders, wenn dich's nicht verdrießt,
203
Wo sich der Weg im Kreise schließt;
204
Der Weltumsegler freudig trifft
205
Den Hafen, wo er ausgeschifft.

206
Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis,
207
Wenn man ihn wohl zu pflegen weiß.

208
Wenn Kindesblick begierig schaut,
209
Er findet des Vaters Haus gebaut;
210
Und wenn das Ohr sich erst vertraut,
211
Ihm tönt der Muttersprache Laut;
212
Gewahrt es dies und jenes nah,
213
Man fabelt ihm, was fern geschah,
214
Umsittigt ihn, wächst er heran;
215
Er findet eben alles getan.
216
Man rühmt ihm dies, man preist ihm das:
217
Er wäre gar gern auch etwas;
218
Wie er soll wirken, schaffen, lieben,
219
Das steht ja alles schon geschrieben
220
Und, was noch schlimmer ist, gedruckt;
221
Da steht der junge Mensch verduckt,
222
Und endlich wird ihm offenbar:
223
Er sei nur, was ein andrer war.

224
Gern wär ich Überliefrung los
225
Und ganz original;
226
Doch ist das Unternehmen groß
227
Und führt in manche Qual.
228
Als Autochthone rechnet ich
229
Es mir zur höchsten Ehre,
230
Wenn ich nicht gar zu wunderlich
231
Selbst Überliefrung wäre.

232
Vom Vater hab ich die Statur,
233
Des Lebens ernstes Führen,
234
Von Mütterchen die Frohnatur
235
Und Lust zu fabulieren.
236
Urahnherr war der Schönsten hold,
237
Das spukt so hin und wieder,
238
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
239
Das zuckt wohl durch die Glieder.
240
Sind nun die Elemente nicht
241
Aus dem Komplex zu trennen,
242
Was ist denn an dem ganzen Wicht
243
Original zu nennen?

244
Teilen kann ich nicht das Leben,
245
Nicht das Innen noch das Außen,
246
Allen muß das Ganze geben,
247
Um mit euch und mir zu hausen.
248
Immer hab ich nur geschrieben,
249
Wie ich fühle, wie ich's meine,
250
Und so spalt ich mich, ihr Lieben,
251
Und bin immerfort der

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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