Der fünfte Mai

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Johann Wolfgang Goethe: Der fünfte Mai (1822)

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Er war – und wie bewegungslos
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Nach letztem Hauche-Seufzer
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Die Hülle lag, uneingedenk,
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Verwaist von solchem Geiste:
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So tief getroffen, starr erstaunt
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Die Erde steht der Botschaft.

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Stumm, sinnend nach der letztesten
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Stunde des Schreckensmannes,
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Sie wüßte nicht, ob solcherlei
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Fußstapfen Menschenfußes
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Nochmals den blutgefärbten Staub
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Zu stempeln sich erkühnten.

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Ihn wetterstrahlend auf dem Thron
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Erblickte die Muse schweigend,
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Sodann im Wechsel immerfort
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Ihn fallen, steigen, liegen;
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Zu tausend Stimmen Klang und Ruf
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Vermischte sie nicht die ihre.

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Jungfräulich, keiner Schmeichelei
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Noch frevler Schmähung schuldig,
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Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt,
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Da solche Strahlen schwinden,
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Die Urne kränzend mit Gesang,
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Der wohl nicht sterben möchte.

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Zu Pyramiden von Alpen her,
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Vom Manzanar zum Rheine,
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Des sichern Blitzes Wetterschlag
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Aus leuchtenden Donnerwolken,
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Er traf von Scylla zum Tanais,
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Von einem zum andern Meere.

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Mit wahrem Ruhm? – Die künft'ge Welt
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Entscheide dies! Wir beugen uns,
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Die Stirne tief, dem Mächtigsten,
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Erschaffenden, der sich einmal
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Von allgewalt'ger Geisteskraft
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Grenzlose Spur beliebte.

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Das stürmische, doch bebende
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Erfreun an großen Planen,
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Die Angst des Herzens, das ungezähmt,
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Dienend nach dem Reiche gelüstet
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Und es erlangt zum höchsten Lohn,
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Den's törig war zu hoffen.

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Das ward ihm all: der Ehrenruhm,
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Vergrößert nach Gefahren,
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Sodann die Flucht, und wieder Sieg,
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Kaiserpalast, Verbannung;
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Zweimal zum Staub zurückgedrängt
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Und zweimal auf dem Altar.

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Er trat hervor: gespaltne Welt,
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Bewaffnet gegeneinander,
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Ergeben wandte sich zu ihm,
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Als lauschten sie dem Schicksal;
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Gebietend Schweigen, Schiedesmann,
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Setzt' er sich mitteninne;

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Verschwand! – Die Tage Müßiggangs,
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Verschlossen im engen Raume,
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Zeugen von grenzenlosem Neid
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Und tiefem, frommem Gefühle,
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Von unauslöschlichem Haß zugleich
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Und unbezwungener Liebe.

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Wie übers Haupt Schiffbrüchigem
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Die Welle sich wälzt und lastet,
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Die Welle, die den Armen erst
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Emporhob, vorwärtsrollte,
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Daß er entfernte Gegenden
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Umsonst zuletzt erblickte,

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So ward's dem Geist, der wogenhaft
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Hinaufstieg in der Erinnrung.
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Ach! wie so oft den Künftigen
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Wollt er sich selbst erzählen.
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Und kraftlos auf das ewige Blatt
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Sank die ermüdete Hand hin.

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Oh! wie so oft beim schweigsamen
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Sterben des Tags, des leeren,
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Gesenkt den blitzenden Augenstrahl,
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Die Arme übergefaltet,
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Stand er, von Tagen, vergangnen,
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Bestürmt' ihn die Erinnrung.

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Da schaut' er die beweglichen
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Zelten, durchwimmelte Täler,
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Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuß,
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Die Welle reitender Männer,
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Die aufgeregteste Herrscherschaft
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Und das allerschnellste Gehorchen.

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Ach, bei so schrecklichem Schmerzgefühl
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Sank ihm der entatmete Busen,
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Und er verzweifelte! – Nein, die Kraft
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Der ewigen Hand von oben
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In Lüfte, leichter atembar,
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Liebherzig trug ihn hinüber.

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Und leitete ihn auf blühende
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Fußpfade, die hoffnungsreichen,
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Zu ewigen Feldern, zum höchsten Lohn,
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Der alle Begierden beschämet;
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Er sieht, wie auf Schweigen und Finsternis,
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Auf den Ruhm, den er durchdrungen.

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Schönste, unsterblich wohltätige
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Glaubenskraft, immer triumphend!
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Sprich es aus! erfreue dich,
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Daß stolzer-höheres Wesen
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Sich dem berüchtigten Golgatha
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Wohl niemals niedergebeugt hat.

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Und also von müder Asche denn
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Entferne jedes widrige Wort;
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Der Gott, der niederdrückt und hebt,
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Der Leiden fügt und Tröstung auch,
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Auf der verlaßnen Lagerstatt
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Ihm ja zur Seite sich fügte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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