Metamorphose der Tiere

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Johann Wolfgang Goethe: Metamorphose der Tiere (1798)

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Wagt ihr, also bereitet, die letzte Stufe zu steigen
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Dieses Gipfels, so reicht mir die Hand und öffnet den freien
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Blick ins weite Feld der Natur. Sie spendet die reichen
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Lebensgaben umher, die Göttin, aber empfindet
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Keine Sorge wie sterbliche Fraun um ihrer Gebornen
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Sichere Nahrung; ihr ziemet es nicht: denn zwiefach bestimmte
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Sie das höchste Gesetz, beschränkte jegliches Leben,
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Gab ihm gemeßnes Bedürfnis, und ungemessene Gaben,
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Leicht zu finden, streute sie aus, und ruhig begünstigt
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Sie das muntre Bemühn der vielfach bedürftigen Kinder;
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Unerzogen schwärmen sie fort nach ihrer Bestimmung.

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Zweck sein selbst ist jegliches Tier, vollkommen entspringt es
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Aus dem Schoß der Natur und zeugt vollkommene Kinder.
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Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen,
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Und die seltenste Form bewahrt im geheimen das Urbild.
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So ist jeglicher Mund geschickt, die Speise zu fassen,
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Welche dem Körper gebührt, es sei nun schwächlich und zahnlos
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Oder mächtig der Kiefer gezahnt, in jeglichem Falle
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Fördert ein schicklich Organ den übrigen Gliedern die Nahrung.
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Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, der kurze,
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Ganz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem Bedürfnis.
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So ist jedem der Kinder die volle, reine Gesundheit
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Von der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen Glieder
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Widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben.
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Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres,
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Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten
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Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung,
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Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen.
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Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe
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Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen.
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Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie:
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Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.
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Doch im Inneren scheint ein Geist gewaltig zu ringen,
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Wie er durchbräche den Kreis, Willkür zu schaffen den Formen
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Wie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er vergebens.
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Denn zwar drängt er sich vor zu diesen Gliedern, zu jenen,
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Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben dagegen
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Andere Glieder, die Last des Übergewichtes vernichtet
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Alle Schöne der Form und alle reine Bewegung.
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Siehst du also dem einen Geschöpf besonderen Vorzug
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Irgend gegönnt, so frage nur gleich, wo leidet es etwa
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Mangel anderswo, und suche mit forschendem Geiste,
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Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel
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Denn so hat kein Tier, dem sämtliche Zähne den obern
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Kiefer umzäunen, ein Horn auf seiner Stirne getragen,
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Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen Mutter
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Ganz unmöglich zu bilden, und böte sie alle Gewalt auf;
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Denn sie hat nicht Masse genug, die Reihen der Zähne
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Völlig zu pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben.

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Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür
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Und Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung,
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Vorzug und Mangel erfreue dich hoch; die heilige Muse
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Bringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend.
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Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker,
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Keinen der tätige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher,
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Der verdient, es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone.
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Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähig,
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Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang,
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Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke
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Rückwärts, prüfe, vergleiche, und nimm vom Munde der Muse,
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Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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