Elegie

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Johann Wolfgang Goethe: Elegie (1823)

1
Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
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Von dieses Tages noch geschloßner Blüte?
3
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
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Wie wankelsinnig regt sich's im Gemüte! –
5
Kein Zweifeln mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
6
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

7
So warst du denn im Paradies empfangen,
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Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
9
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
10
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
11
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
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Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

13
Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
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Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
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Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:
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So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
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Die Stunden glichen sich in zartem Wandern
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Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

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Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend
20
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen.
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Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
22
Als trieb' ein Cherub flammend ihn von hinnen;
23
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
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Es blickt zurück, die Pforte steht verschlossen.

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Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
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Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
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Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
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An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
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Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
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Belasten's nun in schwüler Atmosphäre.

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Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
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Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
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Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
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Zieht sich's nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?
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Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
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Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

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Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
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Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
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Als glich' es ihr, am blauen Äther droben
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Ein schlank Gebild aus lichtem Duft empor;
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So sahst du sie in frohem Tanze walten,
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Die lieblichste der lieblichsten Gestalten.

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Doch nur Momente darfst dich unterwinden,
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Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;
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Ins Herz zurück! dort wirst du's besser finden,
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Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten;
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Zu vielen bildet
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So tausendfach, und immer immer lieber.

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Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
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Und mich von dannauf stufenweis beglückte;
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Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
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Den letztesten mir auf die Lippen drückte:
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So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben
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Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

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Ins Herz, das fest wie zinnenhohe Mauer
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Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
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Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
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Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
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Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
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Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

61
War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
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Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
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Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
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Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
65
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
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Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

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Und zwar durch siel – Wie lag ein innres Bangen
68
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere:
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Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
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Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
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Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle,
72
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

73
Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
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Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen's –,
75
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
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In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
77
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
78
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

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In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
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Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
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Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
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Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
83
Wir heißen's: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
84
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

85
Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,
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Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften,
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Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
88
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
89
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
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Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

91
Es ist, als wenn sie sagte: Stund um Stunde
92
Wird uns das Leben freundlich dargeboten,
93
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
94
Das Morgende, zu wissen ist's verboten;
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Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
96
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

97
Drum tu wie ich und schaue, froh verständig,
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Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
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Begegn' ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
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Im Handeln sei's, zur Freude, sei's dem Lieben;
101
Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
102
So bist du alles, bist unüberwindlich.

103
Du hast gut reden, dacht ich, zum Geleite
104
Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,
105
Und jeder fühlt an deiner holden Seite
106
Sich augenblicks den Günstling des Geschickes;
107
Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –
108
Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

109
Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
110
Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen;
111
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute,
112
Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen;
113
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
114
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

115
So quellt denn fort! und fließet unaufhaltsam;
116
Doch nie geläng's, die innre Glut zu dämpfen!
117
Schon rast's und reißt in meiner Brust gewaltsam,
118
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
119
Wohl Kräuter gäb's, des Körpers Qual zu stillen;
120
Allein dem Geist fehlt's am Entschluß und Willen,

121
Fehlt's am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
122
Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.
123
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
124
Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen;
125
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
126
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen?

127
Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen!
128
Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos;
129
Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,
130
Die Erde weit, der Himmel hehr und groß;
131
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
132
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

133
Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
134
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
135
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
136
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
137
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
138
Sie trennen mich, und richten mich zugrunde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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