Sprichwörtlich

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Johann Wolfgang Goethe: Sprichwörtlich (1813)

1
Wenn ich den Scherz will ernsthaft nehmen,
2
So soll mich niemand drum beschämen;
3
Und wenn ich den Ernst will scherzhaft treiben,
4
So werd ich immer derselbe bleiben.

5
Die Lust zu reden kommt zu rechter Stunde,
6
Und wahrhaft fließt das Wort aus Herz und Munde.

7
Ich sah mich um an vielen Orten
8
Nach lustigen, gescheiten Worten;
9
An bösen Tagen mußt ich mich freuen,
10
Daß diese die besten Worte verleihen.

11
Im neuen Jahre Glück und Heil;
12
Auf Weh und Wunden gute Salbe!
13
Auf groben Klotz ein grober Keil!
14
Auf

15
Willst lustig leben,
16
Geh mit zwei Säcken,
17
Einen zum Geben,
18
Einen, um einzustecken.
19
Da gleichst du Prinzen,
20
Plünderst und beglückst Provinzen.

21
Was in der Zeiten Bildersaal
22
Jemals ist trefflich gewesen,
23
Das wird immer einer einmal
24
Wieder auffrischen und lesen.

25
Nicht jeder wandelt nur gemeine Stege:
26
Du siehst, die Spinnen bauen luft'ge Wege.

27
Ein Kranz ist gar viel leichter binden,
28
Als ihm ein würdig Haupt zu finden.

29
Wie die Pflanzen zu wachsen belieben,
30
Darin wird jeder Gärtner sich üben;
31
Wo aber des Menschen Wachstum ruht,
32
Dazu jeder selbst das Beste tut.

33
Willst du dir aber das Beste tun,
34
So bleib nicht auf dir selber ruhn,
35
Sondern folg eines Meisters Sinn;
36
Mit ihm zu irren ist dir Gewinn.

37
Benutze redlich deine Zeit!
38
Willst was begreifen, such's nicht weit.

39
Zwischen heut und morgen
40
Liegt eine lange Frist;
41
Lerne schnell besorgen,
42
Da du noch munter bist.

43
Die Dinte macht uns wohl gelehrt,
44
Doch ärgert sie, wo sie nicht hingehört.
45
Geschrieben Wort ist Perlen gleich;
46
Ein Dintenklecks ein böser Streich.

47
Wenn man fürs Künftige was erbaut,
48
Schief wird's von vielen angeschaut.
49
Tust du was für den Augenblick,
50
Vor allem opfre du dem Glück.

51
Mit einem Herren steht es gut,
52
Der, was er befohlen, selber tut.

53
Tu nur das Rechte in deinen Sachen;
54
Das andre wird sich von selber machen.

55
Wenn jemand sich wohl im Kleinen deucht,
56
So denke: der hat ein Großes erreicht.

57
Glaube nur, du hast viel getan,
58
Wenn dir Geduld gewöhnest an.

59
Wer sich nicht nach der Decke streckt,
60
Dem bleiben die Füße unbedeckt.

61
Der Vogel ist froh in der Luft gemütet,
62
Wenn es da unten im Neste brütet.

63
Wenn ein kluger Mann der Frau befiehlt,
64
Dann sei es um ein Großes gespielt;
65
Will die Frau dem Mann befehlen,
66
So muß sie das Große im Kleinen wählen.

67
Welche Frau hat einen guten Mann,
68
Der sieht man's am Gesicht wohl an.

69
Eine Frau macht oft ein bös Gesicht;
70
Der gute Mann verdient's wohl nicht.

71
Ein braver Mann! ich kenn ihn ganz genau:
72
Erst prügelt er, dann kämmt er seine Frau.

73
Ein schönes Ja, ein schönes Nein,
74
Nur geschwind! soll mir willkommen sein.

75
Januar, Februar, März,
76
Du bist mein liebes Herz.
77
Mai, Juni, Juli, August,
78
Mir ist nichts mehr bewußt.

79
Neumond und geküßter Mund
80
Sind gleich wieder hell und frisch und gesund.

81
Mir gäb es keine größre Pein,
82
Wär ich im Paradies allein.

83
Es ließe sich alles trefflich schlichten,
84
Könnte man die Sachen zweimal verrichten.

85
Nur heute, heute nur laß dich nicht fangen,
86
So bist du hundertmal entgangen.

87
Geht's in der Welt dir endlich schlecht,
88
Tu, was du willst, nur habe nicht recht.

89
Zücht'ge den Hund, den Wolf magst du peitschen;
90
Graue Haare sollst du nicht reizen.

91
Am Flusse kannst du stemmen und häkeln;
92
Überschwemmung läßt sich nicht mäkeln.

93
Tausend Fliegen hatt ich am Abend erschlagen,
94
Doch werkte mich

95
Und wärst du auch zum fernsten Ort,
96
Zur kleinsten Hütte durchgedrungen,
97
Was hilft es dir, du findest dort
98
Tabak und böse Zungen.

99
Wüßte nicht, was sie Bessers erfinden könnten,
100
Als wenn die Lichter ohne Putzen brennten.

101
Lief' das Brot, wie die Hasen laufen,
102
Es kostete viel Schweiß, es zu kaufen.

103
Will Vogelfang dir nicht geraten,
104
So magst du deinen Schuhu braten.

105
Das wär dir ein schönes Gartengelände,
106
Wo man den Weinstock mit Würsten bände.

107
Du mußt dich niemals mit Schwur vermessen:
108
Von dieser Speise will ich nicht essen.

109
Wer aber recht bequem ist und faul,
110
Flög dem eine gebratne Taube ins Maul,
111
Er würde höchlich sich's verbitten,
112
Wär sie nicht auch geschickt zerschnitten.

113
Freigebig ist der mit seinen Schritten,
114
Der kommt, von der Katze Speck zu erbitten.

115
Hast deine Kastanien zu lange gebraten;
116
Sie sind dir alle zu Kohlen geraten.

117
Das sind mir allzu böse Bissen,
118
An denen die Gäste erwürgen müssen.

119
Das ist eine von den großen Taten,
120
Sich in seinem eignen Fett zu braten.

121
Gesotten oder gebraten!
122
Er ist ans Feuer geraten.

123
Gebraten oder gesotten!
124
Ihr sollt nicht meiner spotten.
125
Was ihr euch heute getröstet,
126
Ihr seid doch morgen geröstet.

127
Wer Ohren hat, soll hören;
128
Wer Geld hat, soll's verzehren.

129
Der Mutter schenk ich,
130
Die Tochter denk ich.

131
Kleid' eine Säule,
132
Sie sieht wie eine Fräule.

133
Schlaf ich, so schlaf ich mir bequem.
134
Arbeit ich, ja, ich weiß nicht wem.

135
Ganz und gar
136
Bin ich ein armer Wicht.
137
Meine Träume sind nicht wahr,
138
Und meine Gedanken geraten nicht.

139
Mit meinem Willen mag's geschehn! –
140
Die Träne wird mir in dem Auge stehn.

141
Wohl unglückselig ist der Mann,
142
Der unterläßt das, was er kann,
143
Und unterfängt sich, was er nicht versteht;
144
Kein Wunder, daß er zugrunde geht.

145
Du trägst sehr leicht, wenn du nichts hast;
146
Aber Reichtum ist eine leichtere Last.

147
Alles in der Welt läßt sich ertragen,
148
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.

149
Was räucherst du nun deinem Toten?
150
Hättst du's ihm so im Leben geboten!

151
Ja! wer eure Verehrung nicht kennte:
152
Euch, nicht ihm baut ihr Monumente.

153
Willst du dich deines Wertes freuen,
154
So mußt der Welt du Wert verleihen.

155
Will einer in die Wüste pred'gen,
156
Der mag sich von sich selbst erled'gen;
157
Spricht aber einer zu seinen Brüdern,
158
Werden sie's oft schlecht erwidern.

159
Laß Neid und Mißgunst sich verzehren,
160
Das Gute werden sie nicht wehren.
161
Denn, Gott sei Dank! es ist ein alter Brauch:
162
So weit die Sonne scheint, so weit erwärmt sie auch.

163
Das Interim
164
Hat den Schalk hinter ihm.
165
Wieviel Schälke muß es geben,
166
Da wir alle ad interim leben.

167
Was fragst du viel: Wo will's hinaus,
168
Wo oder wie kann's enden?
169
Ich dächte, Freund, du bliebst zu Haus
170
Und sprächst mit deinen Wänden.

171
Viele Köche versalzen den Brei;
172
Bewahr uns Gott vor vielen Dienern!
173
Wir aber sind, gesteht es frei,
174
Ein Lazarett von Medizinern.

175
Ihr meint, ich hätt mich gewaltig betrogen;
176
Hab's aber nicht aus den Fingern gesogen.

177
Noch spukt der Babylon'sche Turm,
178
Sie sind nicht zu vereinen!
179
Ein jeder Mann hat seinen Wurm,
180
Kopernikus den seinen.

181
Denn bei den alten, lieben Toten
182
Braucht man Erklärung, will man Noten.
183
Die Neuen glaubt man blank zu verstehn;
184
Doch ohne Dolmetsch wird's auch nicht gehn.

185
Sie sagen: Das mutet mich nicht an!
186
Und meinen, sie hätten's abgetan.

187
In meinem Revier
188
Sind Gelehrte gewesen,
189
Außer ihrem eignen Brevier
190
Konnten sie keines lesen.

191
Viel Rettungsmittel bietest du! was heißt's?
192
Die beste Rettung: Gegenwart des Geists!

193
Laß nur die Sorge sein,
194
Das gibt sich alles schon;
195
Und fällt der Himmel ein,
196
Kommt doch eine Lerche davon.

197
Dann ist einer durchaus verarmt,
198
Wenn die Scham den Schaden umarmt.

199
Du treibst mir's gar zu toll.
200
Ich fürcht, es breche!
201
Nicht jeden Wochenschluß
202
Macht Gott die Zeche.

203
Du bist sehr eilig, meiner Treu!
204
Du suchst die Tür und läufst vorbei.

205
Sie glauben, miteinander zu streiten,
206
Und fühlen das Unrecht von beiden Seiten.

207
Haben's gekauft, es freut sie baß;
208
Eh man's denkt, so betrübt sie das.

209
Willst du nichts Unnützes kaufen,
210
Mußt du nicht auf den Jahrmarkt laufen.

211
Langeweile ist ein böses Kraut,
212
Aber auch eine Würze, die viel verdaut.

213
Wird uns eine rechte Qual zuteil,
214
Dann wünschen wir uns Langeweil.

215
Daß sie die Kinder erziehen könnten,
216
Müßten die Mütter sein wie Enten:
217
Sie schwämmen mit ihrer Brut in Ruh;
218
Da gehört aber freilich Wasser dazu.

219
Das junge Volk, es bildet sich ein,
220
Sein Tauftag sollte der Schöpfungstag sein.
221
Möchten sie doch zugleich bedenken,
222
Was wir ihnen als Eingebinde schenken.

223
»nein! heut ist mir das Glück erbost!«
224
Du, sattle gut und reite getrost!

225
Über ein Ding wird viel geplaudert,
226
Viel beraten und lange gezaudert,
227
Und endlich gibt ein böses Muß
228
Der Sache widrig den Beschluß.

229
Eine Bresche ist jeder Tag,
230
Die viele Menschen erstürmen.
231
Wer auch in die Lücke fallen mag,
232
Die Toten sich niemals türmen.

233
Wenn einer schiffet und reiset,
234
Sammelt er nach und nach immer ein,
235
Was sich am Leben mit mancher Pein
236
Wieder ausschälet und weiset.

237
Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,
238
Ein letztes Glück und einen letzten Tag.

239
Das Glück deiner Tage
240
Wäge nicht mit der Goldwaage.
241
Wirst du die Krämerwaage nehmen,
242
So wirst du dich schämen und dich bequemen.

243
Hast du einmal das Rechte getan
244
Und sieht ein Feind nur Scheeles daran,
245
So wird er gelegentlich, spät oder früh,
246
Dasselbe tun, er weiß nicht wie.

247
Willst du das Gute tun, mein Sohn,
248
So lebe nur lange, da gibt sich's schon;
249
Solltest du aber zu früh ersterben,
250
Wirst du von Künftigen Dank erwerben.

251
Was gibt uns wohl den schönsten Frieden,
252
Als frei am eignen Glück zu schmieden.

253
Laßt mir die jungen Leute nur,
254
Und ergetzt euch an ihren Gaben!
255
Es will doch Großmama Natur
256
Manchmal einen närrischen Einfall haben.

257
Ungebildet waren wir unangenehm;
258
Jetzt sind uns die Neuen sehr unbequem.

259
Wo Anmaßung mir wohlgefällt?
260
An Kindern: denen gehört die Welt.

261
Ihr zählt mich immer unter die Frohen,
262
Erst lebt ich roh, jetzt unter den Rohen.
263
Den Fehler, den man selbst geübt,
264
Man auch wohl an dem andern liebt.

265
Willst du mit mir hausen,
266
So laß die Bestie draußen.

267
Wollen die Menschen Bestien sein,
268
So bringt nur Tiere zur Stube herein,
269
Das Widerwärtige wird sich mindern.
270
Wir sind eben alle von Adams Kindern.

271
Mit Narren leben wird dir gar nicht schwer,
272
Erhalte nur ein Tollhaus um dich her.

273
Sag mir, was ein Hypochondrist
274
Für ein wunderlicher Kunstfreund ist.
275
In Bildergalerien geht er spazieren
276
Vor lauter Gemälden, die ihn vexieren.

277
Der Hypochonder ist bald kuriert,
278
Wenn euch das Leben recht kujoniert.

279
Du sollst mit dem Tode zufrieden sein,
280
Warum machst du dir das Leben zur Pein?

281
Kein tolleres Versehn kann sein,
282
Gibst einem ein Fest und lädst ihn nicht ein.

283
Da siehst du nun, wie's einem geht,
284
Weil sich der Beste von selbst versteht.

285
Wenn ein Edler gegen dich fehlt,
286
So tu, als hättest du's nicht gezählt:
287
Er wird es in sein Schuldbuch schreiben
288
Und dir nicht lange im Debet bleiben.

289
Suche nicht vergebne Heilung!
290
Unsrer Krankheit schwer Geheimnis
291
Schwankt zwischen Übereilung
292
Und zwischen Versäumnis.

293
Ja, schelte nur und fluche fort,
294
Es wird sich Beßres nie ergeben.
295
Denn Trost ist ein absurdes Wort:
296
Wer nicht verzweiflen kann, der muß nicht leben.

297
Ich soll nicht auf den Meister schwören
298
Und immerfort den Meister hören!
299
Nein, ich weiß, er kann nicht lügen,
300
Will mich gern mit ihm betriegen.

301
Mich freuen die vielen Guten und Tücht'gen,
302
Obgleich so viele dazwischenbelfen.
303
Die Deutschen wissen zu bericht'gen,
304
Aber sie verstehen nicht nachzuhelfen.

305
»du kommst nicht ins Ideenland!«
306
So bin ich doch am Ufer bekannt.
307
Wer die Inseln nicht zu erobern glaubt,
308
Dem ist Ankerwerfen doch wohl erlaubt.

309
Meine Dichterglut war sehr gering,
310
Solang ich dem Guten entgegenging;
311
Dagegen brannte sie lichterloh,
312
Wenn ich vor drohendem Übel floh.

313
Zart Gedicht, wie Regenbogen,
314
Wird nur auf dunklen Grund gezogen;
315
Darum behagt dem Dichtergenie
316
Das Element der Melancholie.

317
Kaum hatt ich mich in die Welt gespielt
318
Und fing an aufzutauchen,
319
Als man mich schon so vornehm hielt,
320
Mich zu mißbrauchen.

321
Wer dem Publikum dient, ist ein armes Tier;
322
Er quält sich ab, niemand bedankt sich dafür.

323
Gleich zu sein unter Gleichen,
324
Das läßt sich schwer erreichen:

325
Du müßtest ohne Verdrießen
326
Wie der Schlechteste zu sein dich entschließen.

327
Man kann nicht immer zusammen stehn,
328
Am wenigsten mit großen Haufen.
329
Seine Freunde, die läßt man gehn,
330
Die Menge läßt man laufen.

331
Du magst an dir das Falsche nähren,
332
Allein wir lassen uns nicht stören;
333
Du kannst uns loben, kannst uns schelten,
334
Wir lassen es nicht für das Rechte gelten.

335
Man soll sich nicht mit Spöttern befassen;
336
Wer will sich für 'nen Narren halten lassen!
337
Darüber muß man sich aber zerreißen,
338
Daß man Narren nicht darf Narren heißen.

339
Christkindlein trägt die Sünden der Welt,
340
Sankt Christoph das Kind über Wasser hält,
341
Sie haben es beid' uns angetan,
342
Es geht mit uns von vornen an.

343
Efeu und ein zärtlich Gemüt
344
Heftet sich an und grünt und blüht.
345
Kann es weder Stamm noch Mauer finden,
346
Es muß verdorren, es muß verschwinden.

347
Zierlich Denken und süß Erinnern
348
Ist das Leben im tiefsten Innern.

349
Ich träumt und liebte sonnenklar;
350
Daß ich lebte, ward ich gewahr.

351
Wer recht will tun, immer und mit Lust,
352
Der hege wahre Lieb in Sinn und Brust.

353
»wann magst du dich am liebsten bücken?«
354
Dem Liebchen Frühlingsblume zu pflücken.

355
Doch das ist gar kein groß Verdienst,
356
Denn Liebe bleibt der höchste Gewinst.

357
Die Zeit, sie mäht so Rosen als Dornen,
358
Aber das treibt immer wieder von vornen.

359
Genieße, was der Schmerz dir hinterließ!
360
Ist Not vorüber, sind die Nöte süß.

361
Glückselig ist, wer Liebe rein genießt,
362
Weil doch zuletzt das Grab so Lieb als Haß verschließt.

363
Viele Lieb hab ich erlebet,
364
Wenn ich liebelos gestrebet;
365
Und Verdrießliches erworben,
366
Wenn ich fast für Lieb gestorben.
367
So du es zusammengezogen,
368
Bleibet Saldo dir gewogen.

369
Tut dir jemand was zulieb,
370
Nur geschwinde, gib nur, gib.
371
Wenige getrost erwarten
372
Dankesblume aus stillem Garten.

373
Doppelt gibt, wer gleich gibt,
374
Hundertfach, der gleich gibt,
375
Was man wünscht und liebt.

376
»warum zauderst du so mit deinen Schritten?«
377
Nur ungern mag ich ruhn,
378
Will ich aber was Gutes tun,
379
Muß ich erst um Erlaubnis bitten.

380
Was willst du lange vigilieren,
381
Dich mit der Welt herumvexieren?
382
Nur Heiterkeit und grader Sinn
383
Verschafft dir endlichen Gewinn.

384
Wem wohl das Glück die schönste Palme beut?
385
Wer freudig tut, sich des Getanen freut.

386
Gleich ist alles versöhnt,
387
Wer redlich ficht, wird gekrönt.

388
Du wirkest nicht, alles bleibt so stumpf.
389
Sei guter Dinge!
390
Der Stein im Sumpf
391
Macht keine Ringe.

392
In des Weinstocks herrliche Gaben
393
Gießt ihr mir schlechtes Gewässer!
394
Ich soll immer unrecht haben
395
Und weiß es besser.

396
Was ich mir gefallen lasse?
397
Zuschlagen muß die Masse,
398
Dann ist sie respektabel,
399
Urteilen gelingt ihr miserabel.

400
Es ist sehr schwer oft zu ergründen,
401
Warum wir das angefangen;
402
Wir müssen oft Belohnung finden,
403
Daß es uns schlecht ergangen.

404
Seh ich an andern große Eigenschaften
405
Und wollen die an mir auch haften,
406
So werd ich sie in Liebe pflegen;
407
Geht's nicht, so tu ich was anders dagegen.

408
Ich, Egoist! – Wenn ich's nicht besser wüßte!
409
Der Neid, das ist der Egoiste;
410
Und was ich auch für Wege geloffen,
411
Auf 'm Neidpfad habt ihr mich nie betroffen.

412
Nicht über Zeit- noch Landgenossen
413
Mußt du dich beklagen;
414
Nachbarn werden ganz andere Possen,
415
Und auch Künftige, über dich sagen.

416
Im Vaterlande
417
Schreibe, was dir gefällt:
418
Da sind Liebesbande,
419
Da ist deine Welt.

420
Draußen zu wenig oder zu viel,
421
Zu Hause nur ist Maß und Ziel.

422
Warum werden die Dichter beneidet?
423
Weil Unart sie zuweilen kleidet,
424
Und in der Welt ist's große Pein,
425
Daß wir nicht dürfen unartig sein.

426
So kommt denn auch das Dichtergenie
427
Durch die Welt und weiß nicht wie.
428
Guten Vorteil bringt ein heitrer Sinn;
429
Andern zerstört Verlust den Gewinn.

430
»immer denk ich: mein Wunsch ist erreicht,
431
Und gleich geht's wieder anders her!«
432
Zerstückle das Leben, du machst dir's leicht;
433
Vereinige es, und du machst dir's schwer.

434
»bist du denn nicht auch zugrunde gerichtet?
435
Von deinen Hoffnungen trifft nichts ein!«
436
Die Hoffnung ist's, die sinnet und dichtet,
437
Und da kann ich noch immer lustig sein.

438
Nicht alles ist an eins gebunden,
439
Seid nur nicht mit euch selbst im Streit!

440
Mit Liebe endigt man, was man erfunden;
441
Was man gelernt, mit Sicherheit.

442
Wer uns am strengsten kritisiert?
443
Ein Dilettant, der sich resigniert.

444
Durch Vernünfteln wird Poesie vertrieben,
445
Aber sie mag das Vernünftige lieben.

446
»wo ist der Lehrer, dem man glaubt?«
447
Tu, was dir dein kleines Gemüt erlaubt.

448
Glaubst dich zu kennen, wirst Gott nicht erkennen,
449
Auch wohl das Schlechte göttlich nennen.

450
Wer Gott ahnet, ist hochzuhalten,
451
Denn er wird nie im Schlechten walten.

452
Macht's einander nur nicht sauer,
453
Hier sind wir gleich, Baron und Bauer.

454
Warum uns Gott so wohl gefällt?
455
Weil er sich uns nie in den Weg stellt.

456
Wie wollten die Fischer sich nähren und retten,
457
Wenn die Frösche sämtlich Zähne hätten?

458
Wie Kirschen und Beeren behagen,
459
Mußt du Kinder und Sperlinge fragen.

460
»warum hat dich das schöne Kind verlassen?«
461
Ich kann sie darum doch nicht hassen:
462
Sie schien zu fürchten und zu fühlen,
463
Ich werde das Prävenire spielen.

464
Glaube mir gar und ganz,
465
Mädchen, laß deine Bein' in Ruh,
466
Es gehört mehr zum Tanz
467
Als rote Schuh'.

468
Was ich nicht weiß,
469
Macht mich nicht heiß.
470
Und was ich weiß,
471
Machte mich heiß,
472
Wenn ich nicht wüßte'
473
Wie's werden müßte.

474
Oft, wenn dir jeder Trost entflieht,
475
Mußt du im stillen dich bequemen.
476
Nur dann, wenn dir Gewalt geschieht,
477
Wird die Menge an dir Anteil nehmen;
478
Ums Unrecht, das dir widerfährt,
479
Kein Mensch den Blick zur Seite kehrt.

480
Was ärgerst du dich über fälschlich Erhobne!
481
Wo gäb es denn nicht Eingeschobne?

482
Worauf alles ankommt? Das ist sehr simpel!
483
Vater, verfüge, eh's dein Gesind spürt!
484
Dahin oder dorthin flattert ein Wimpel,
485
Steuermann weiß, wohin euch der Wind führt.

486
Eigenheiten, die werden schon haften;
487
Kultiviere deine Eigenschaften.

488
Viel Gewohnheiten darfst du haben,
489
Aber keine Gewohnheit!
490
Dies Wort unter des Dichters Gaben
491
Halte nicht für Torheit.

492
Das Rechte, das ich viel getan,
493
Das ficht mich nun nicht weiter an,
494
Aber das Falsche, das mir entschlüpft,
495
Wie ein Gespenst mir vor Augen hüpft.

496
Gebt mir zu tun,
497
Das sind reiche Gaben!
498
Das Herz kann nicht ruhn,
499
Will zu schaffen haben.

500
Ihrer viele wissen viel,
501
Von der Weisheit sind sie weit entfernt.
502
Andre Leute sind euch ein Spiel;
503
Sich selbst hat niemand ausgelernt.

504
»man hat ein Schimpflied auf dich gemacht;
505
Es hat's ein böser Feind erdacht.«

506
Laß sie's nur immer singen,
507
Denn es wird bald verklingen.

508
Dauert nicht so lang in den Landen
509
Als das: Christ ist erstanden.

510
Das dauert schon achtzehnhundert Jahr'
511
Und ein paar drüber, das ist wohl wahr!

512
Wer ist denn der souveräne Mann?
513
Das ist bald gesagt:
514
Der, den man nicht hindern kann,
515
Ob er nach Gutem oder Bösem jagt.

516
Entzwei' und gebiete! Tüchtig Wort;
517
Verein' und leite! Beßrer Hort.

518
Magst du einmal mich hintergehen,
519
Merk ich's, so laß ich's wohl geschehen;
520
Gestehst du mir's aber ins Gesicht,
521
In meinem Leben verzeih ich's nicht.

522
Nicht größern Vorteil wüßt ich zu nennen,
523
Als des Feindes Verdienst erkennen.

524
»hat man das Gute dir erwidert?«
525
Mein Pfeil flog ab, sehr schön befiedert,
526
Der ganze Himmel stand ihm offen,
527
Er hat wohl irgendwo getroffen.

528
»was schnitt dein Freund für ein Gesicht?«
529
Guter Geselle, das versteh ich nicht.
530
Ihm ist wohl sein Süß Gesicht verleidet,
531
Daß er heut saure Gesichter schneidet.

532
Ihr sucht die Menschen zu benennen
533
Und glaubt am Namen sie zu kennen.
534
Wer tiefer sieht, gesteht sich frei,
535
Es ist was Anonymes dabei.

536
»mancherlei hast du versäumet:
537
Statt zu handeln, hast geträumet,
538
Statt zu danken, hast geschwiegen,
539
Solltest wandern, bliebest liegen.«

540
Nein, ich habe nichts versäumet!
541
Wißt ihr denn, was ich geträumet?
542
Nun will ich zum Danke fliegen,
543
Nur mein Bündel bleibe liegen.

544
Heute geh ich. Komm ich wieder,
545
Singen wir ganz andre Lieder.
546
Wo so viel sich hoffen läßt,
547
Ist der Abschied ja ein Fest.

548
Was soll ich viel lieben, was soll ich viel hassen;
549
Man lebt nur vom Lebenlassen.

550
Nichts leichter, als dem Dürftigen schmeicheln;
551
Wer mag aber ohne Vorteil heucheln.

552
»wie konnte der
553
Er ist auf Fingerchen gegangen.

554
Sprichwort bezeichnet Nationen;
555
Mußt aber erst unter ihnen wohnen.

556
Erkenne dich! – Was soll das heißen?
557
Es heißt: Sei nur! und sei auch nicht!
558
Es ist eben ein Spruch der lieben Weisen,
559
Der sich in der Kürze widerspricht.

560
Erkenne dich! – Was hab ich da für Lohn?
561
Erkenn ich mich, so muß ich gleich davon.

562
Als wenn ich auf den Maskenball käme
563
Und gleich die Larve vom Angesicht nähme.

564
Andre zu kennen, das mußt du probieren,
565
Ihnen zu schmeicheln oder sie zu vexieren.

566
»warum magst du gewisse Schriften nicht lesen?«
567
Das ist auch sonst meine Speise gewesen;
568
Eilt aber die Raupe, sich einzuspinnen,
569
Nicht kann sie mehr Blättern Geschmack abgewinnen.

570
Was dem Enkel so wie dem Ahn frommt,
571
Darüber hat man viel geträumet;
572
Aber worauf eben alles ankommt,
573
Das wird vom Lehrer gewöhnlich versäumet.

574
Verweile nicht, und sei dir selbst ein Traum,
575
Und wie du reisest, danke jedem Raum,
576
Bequeme dich dem Heißen wie dem Kalten;
577
Dir wird die Welt, du wirst ihr nie veralten.

578
Ohne Umschweife
579
Begreife,
580
Was dich mit der Welt entzweit;
581
Nicht will sie Gemüt, will Höflichkeit.

582
Gemüt muß verschleifen,
583
Höflichkeit läßt sich mit Händen greifen.

584
Was eben wahr ist allerorten,
585
Das sag ich mit ungescheuten Worten.

586
Nichts taugt Ungeduld,
587
Noch weniger Reue;
588
Jene vermehrt die Schuld,
589
Diese schafft neue.

590
Daß von diesem wilden Sehnen,
591
Dieser reichen Saat von Tränen
592
Götterlust zu hoffen sei,
593
Mache deine Seele frei!

594
Der entschließt sich doch gleich,
595
Den heiß ich brav und kühn!
596
Er springt in den Teich,
597
Dem Regen zu entfliehn.

598
Daß Glück ihm günstig sei,
599
Was hilft's dem Stöffel?
600
Denn regnet's Brei,
601
Fehlt ihm der Löffel.

602
Dichter gleichen Bären,
603
Die immer an eignen Pfoten zehren.

604
Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen,
605
Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen;
606
Harte Bissen gibt es zu kauen:
607
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen.

608
Ein kluges Volk wohnt nah dabei,
609
Das immerfort sein Bestes wollte;
610
Es gab dem niedrigen Kirchturm Brei,
611
Damit er größer werden sollte.

612
Sechsundzwanzig Groschen gilt mein Taler!
613
Was heißt ihr mich denn einen Prahler?
614
Habt ihr doch andre nicht gescholten,
615
Deren Groschen einen Taler gegolten.

616
Niederträchtigers wird nichts gereicht,
617
Als wenn der Tag den Tag erzeugt.

618
Was hat dir das arme Glas getan?
619
Sieh deinen Spiegel nicht so häßlich an.

620
Liebesbücher und Jahrgedichte
621
Machen bleich und hager;
622
Frösche plagten, sagt die Geschichte,
623
Pharaonem auf seinem Lager.

624
So schließen wir, daß in die Läng
625
Euch nicht die Ohren gellen,
626
Vernunft ist hoch, Verstand ist streng,
627
Wir rasseln drein mit Schellen.

628
Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
629
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen,
630
Doch was für Samen die Fremde bringt,
631
Erzog ich im Lande gut gedüngt.

632
Und selbst den Leuten du bon ton
633
Ist dieses Büchlein lustig erschienen:
634
Es ist kein Globe de compression,
635
Sind lauter Flatterminen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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