Gott, Gemüt und Welt

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Johann Wolfgang Goethe: Gott, Gemüt und Welt (1813)

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In wenig Stunden
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Hat Gott das Rechte gefunden.

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Wer Gott vertraut,
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Ist schon auferbaut.

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Sogar dies Wort hat nicht gelogen:
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Wen Gott betriegt, der ist wohl betrogen.

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Das
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Es dient und hilft in allen Nöten;
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Wenn einer auch
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In Gottes Namen, laß ihn beten.

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Ich wandle auf weiter, bunter Flur,
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Ursprünglicher Natur;
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Ein holder Born, in welchem ich bade,
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Ist Überlieferung, ist Gnade.

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Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
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Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
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Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
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Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
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So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
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Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt

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Im Innern ist ein Universum auch;
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Daher der Völker löblicher Gebrauch,
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Daß jeglicher das Beste, was er kennt,
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Er Gott, ja seinen Gott benennt,
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Ihm Himmel und Erden übergibt,
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Ihn fürchtet und wo möglich liebt.

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Wie? Wann? und Wo? – Die Götter bleiben stumm!
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Du halte dich ans

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Willst du ins Unendliche schreiten,
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Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.

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Willst du dich am Ganzen erquicken,
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So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.

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Aus tiefem Gemüt, aus der Mutter Schoß
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Will manches dem Tage entgegen;
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Doch soll das Kleine je werden groß,
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So muß es sich rühren und regen.

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Da, wo das Wasser sich entzweit
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Wird zuerst Lebendigs befreit.

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Und wird das Wasser sich entfalten,
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Sogleich wird sich's lebendig gestalten;
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Da wälzen sich Tiere, sie trocknen zum Flor,
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Und Pflanzengezweige, sie dringen hervor.

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Durchsichtig erscheint die Luft so rein
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Und trägt im Busen Stahl und Stein.
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Entzündet werden sie sich begegnen;
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Da wird's Metall und Steine regnen.

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Denn was das Feuer lebendig erfaßt,
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Bleibt nicht mehr Unform und Erdenlast.
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Verflüchtigt wird es und unsichtbar,
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Eilt hinauf, wo erst sein Anfang war.

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Und so kommt wieder zur Erde herab,
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Dem die Erde den Ursprung gab.
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Gleicherweise sind wir auch gezüchtigt,
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Einmal gefestet, einmal verflüchtigt.

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Und wer durch alle die Elemente
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Feuer, Luft, Wasser und Erde rennte,
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Der wird zuletzt sich überzeugen,
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Er sei kein Wesen ihresgleichen.

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»was will die Nadel nach Norden gekehrt?«
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Sich selbst zu finden, es ist ihr verwehrt.

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Die endliche Ruhe wird nur verspürt,
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Sobald der Pol den Pol berührt.

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Drum danket Gott, ihr Söhne der Zeit,
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Daß er die Pole für ewig entzweit.

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»magnetes Geheimnis, erkläre mir das!«
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Kein größer Geheimnis als Lieb und Haß.

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Wirst du deinesgleichen kennenlernen,
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so wirst du dich gleich wieder entfernen.

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»warum tanzen Bübchen mit Mädchen so gern?«
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Ungleich dem Gleichen bleibet nicht fern.

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Dagegen die Bauern in der Schenke
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Prügeln sich gleich mit den Beinen der Bänke.

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Der Amtmann schnell das Übel stillt,
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Weil er nicht für ihresgleichen gilt.

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Soll dein Kompaß dich richtig leiten,
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Hüte dich vor Magnetstein', die dich begleiten.

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Verdoppelte sich der Sterne Schein,
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Das All wird ewig finster sein.

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»und was sich zwischen beide stellt?«
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Dein Auge, so wie die Körperwelt.

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An der Finsternis zusammengeschrunden,
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Wird dein Auge vom Licht entbunden.

83
Schwarz und Weiß, eine Totenschau,
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Vermischt ein niederträchtig Grau.

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Will Licht einem Körper sich vermählen,
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Es wird den ganz durchsicht'gen wählen.

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Du aber halte dich mit Liebe
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An das Durchscheinende, das Trübe.

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Denn steht das Trübste vor der Sonne,
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Da siehst die herrlichste Purpurwonne.

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Und will das Licht sich dem Trübsten entwinden,
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So wird es glühend Rot entzünden.

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Und wie das Trübe verdunstet und weicht,
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Das Rote zum hellsten Gelb erbleicht.

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Ist endlich der Äther rein und klar,
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Ist das Licht weiß, wie es anfangs war.

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Steht vor dem Finstern milchig Grau,
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Die Sonne bescheint's, da wird es Blau.

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Auf Bergen, in der reinsten Höhe,
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Tief Rötlichblau ist Himmelsnähe.

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Du staunest über die Königspracht,
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Und gleich ist sammetschwarz die Nacht.

103
Und so bleibt auch, in ewigem Frieden,
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Die Finsternis vom Licht geschieden.

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Daß sie miteinander streiten können,
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Das ist eine bare Torheit zu nennen.

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Sie streiten mit der Körperwelt,
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Die sie ewig auseinander hält.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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