Künstlers Fug und Recht

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Johann Wolfgang Goethe: Künstlers Fug und Recht (1792)

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Ein frommer Maler mit vielem Fleiß
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Hatte manchmal gewonnen den Preis,
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Und manchmal ließ er's auch geschehn,
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Daß er einem bessern nach mußt stehn;
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Hatte seine Tafeln fortgemalt,
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Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt.
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Da kamen einige gut hinaus;
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Man baut' ihn' sogar ein Heiligenhaus.

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Nun fand er Gelegenheit einmal,
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Zu malen eine Wand im Saal;
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Mit emsigen Zügen er staffiert',
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Was öfters in der Welt passiert;
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Zog seinen Umriß leicht und klar,
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Man konnte sehn, was gemeint da war.

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Mit wenig Farben er koloriert',
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Doch so, daß er das Aug frappiert'.
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Er glaubt' es für den Platz gerecht
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Und nicht zu gut und nicht zu schlecht,
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Daß es versammelte Herrn und Fraun
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Möchten einmal mit Lust beschaun;
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Zugleich er auch noch wünscht' und wollt,
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Daß man dabei was denken sollt.

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Als nun die Arbeit fertig war,
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Da trat herein manch Freundespaar,
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Das unsers Künstlers Werke liebt
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Und darum desto mehr betrübt,
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Daß an der losen, leidigen Wand
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Nicht auch ein Götterbildnis stand.
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Die setzten ihn sogleich zur Red,
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Warum er so was malen tät,
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Da doch der Saal und seine Wänd
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Gehörten nur für Narrenhänd;
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Er sollte sich nicht lassen verführen
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Und nun auch Bänk und Tische beschmieren;
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Er sollte bei seinen Tafeln bleiben
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Und hübsch mit seinem Pinsel schreiben;
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Und sagten ihm von dieser Art
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Noch viel Verbindlichs in den Bart.

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Er sprach darauf bescheidentlich:
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»eure gute Meinung beschämet mich.
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Es freut mich mehr nichts auf der Welt,
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Als wenn euch je mein Werk gefällt.
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Da aber aus eigenem Beruf
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Gott der Herr allerlei Tier' erschuf,
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Daß auch sogar das wüste Schwein,
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Kröten und Schlangen vom Herren sein,
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Und er auch manches nur ebauchiert
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Und gerade nicht alles ausgeführt
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(wie man den Menschen denn selbst nicht scharf
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Und nur en gros betrachten darf):
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So hab ich als ein armer Knecht
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Vom sündlich menschlichen Geschlecht
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Von Jugend auf allerlei Lust gespürt
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Und mich in allerlei exerziert,
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Und so durch Übung und durch Glück
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Gelang mir, sagt ihr, manches Stück.
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Nun dächt ich, nach vielem Rennen und Laufen
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Dürft einer auch einmal verschnaufen,
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Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt,
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Ihn 'nen faulen Bengel heißen sollt.

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Drum ist mein Wort zu dieser Frist,
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Wie's allezeit gewesen ist:
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Mit keiner Arbeit hab ich geprahlt,
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Und was ich gemalt hab, hab ich gemalt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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