Amor als Landschaftsmaler

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Johann Wolfgang Goethe: Amor als Landschaftsmaler (1787)

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Saß ich früh auf einer Felsenspitze,
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Sah mit starren Augen in den Nebel;
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Wie ein grau grundiertes Tuch gespannet,
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Deckt' er alles in die Breit und Höhe.

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Stellt' ein Knabe sich mir an die Seite,
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Sagte: »Lieber Freund, wie magst du starrend
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Auf das leere Tuch gelassen schauen?
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Hast du denn zum Malen und zum Bilden
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Alle Lust auf ewig wohl verloren?«

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Sah ich an das Kind und dachte heimlich:
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Will das Bübchen doch den Meister machen!
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»willst du immer trüb und müßig bleiben«,
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Sprach der Knabe, »kann nichts Kluges werden:
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Sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen,
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Dich ein hübsches Bildchen malen lehren.«

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Und er richtete den Zeigefinger,
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Der so rötlich war wie eine Rose,
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Nach dem weiten, ausgespannten Teppich,
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Fing mit seinem Finger an zu zeichnen:

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Oben malt' er eine schöne Sonne,
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Die mir in die Augen mächtig glänzte,
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Und den Saum der Wolken macht' er golden,
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Ließ die Strahlen durch die Wolken dringen;
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Malte dann die zarten, leichten Wipfel
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Frisch erquickter Bäume, zog die Hügel,
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Einen nach dem andern, frei dahinter;
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Unten ließ er's nicht an Wasser fehlen,
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Zeichnete den Fluß so ganz natürlich,
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Daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern,
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Daß er schien am hohen Rand zu rauschen.

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Ach, da standen Blumen an dem Flusse,
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Und da waren Farben auf der Wiese,
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Gold und Schmelz und Purpur und ein Grünes,
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Alles wie Smaragd und wie Karfunkel!
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Hell und rein lasiert' er drauf den Himmel
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Und die blauen Berge fern und ferner,
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Daß ich ganz entzückt und neu geboren
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Bald den Maler, bald das Bild beschaute.

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»hab ich doch«, so sagt' er, »dir bewiesen,
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Daß ich dieses Handwerk gut verstehe;
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Doch es ist das Schwerste noch zurücke.«
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Zeichnete darnach mit spitzem Finger
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Und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen,
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Grad ans Ende, wo die Sonne kräftig
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Von dem hellen Boden widerglänzte,
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Zeichnete das allerliebste Mädchen,
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Wohlgebildet, zierlich angekleidet,
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Frische Wangen unter braunen Haaren,
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Und die Wangen waren von der Farbe
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Wie das Fingerchen, das sie gebildet.

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»o du Knabe!« rief ich, »welch ein Meister
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Hat in seine Schule dich genommen,
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Daß du so geschwind und so natürlich
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Alles klug beginnst und gut vollendest?«

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Da ich noch so rede, sieh, da rühret
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Sich ein Windchen und bewegt die Gipfel,
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Kräuselt alle Wellen auf dem Flusse,
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Füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens,
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Und was mich Erstaunten mehr erstaunte,
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Fängt das Mädchen an, den Fuß zu rühren,
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Geht zu kommen, nähert sich dem Orte,
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Wo ich mit dem losen Lehrer sitze.

63
Da nun alles, alles sich bewegte,
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Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier
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Und der zarte Fuß der Allerschönsten:
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Glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen
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Wie ein Felsen still und fest geblieben?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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