Der Besuch

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Johann Wolfgang Goethe: Der Besuch (1788)

1
Meine Liebste wollt ich heut beschleichen,
2
Aber ihre Türe war verschlossen.
3
Hab ich doch den Schlüssel in der Tasche!
4
Öffn' ich leise die geliebte Türe!

5
Auf dem Saale fand ich nicht das Mädchen,
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Fand das Mädchen nicht in ihrer Stube;
7
Endlich, da ich leis die Kammer öffne,
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Find ich sie, gar zierlich eingeschlafen,
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Angekleidet, auf dem Sofa liegen.

10
Bei der Arbeit war sie eingeschlafen;
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Das Gestrickte mit den Nadeln ruhte
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Zwischen den gefaltnen zarten Händen;
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Und ich setzte mich an ihre Seite,
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Ging bei mir zu Rat, ob ich sie weckte.

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Da betrachtet ich den schönen Frieden,
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Der auf ihren Augenlidern ruhte:
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Auf den Lippen war die stille Treue,
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Auf den Wangen Lieblichkeit zu Hause,
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Und die Unschuld eines guten Herzens
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Regte sich im Busen hin und wider.
21
Jedes ihrer Glieder lag gefällig
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Aufgelöst vom süßen Götterbalsam.
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Freudig saß ich da, und die Betrachtung
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Hielte die Begierde, sie zu wecken,
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Mit geheimen Banden fest und fester.

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O du Liebe, dacht ich, kann der Schlummer,
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Der Verräter jedes falschen Zuges,
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Kann er dir nicht schaden, nichts entdecken,
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Was des Freundes zarte Meinung störte?

30
Deine holden Augen sind geschlossen,
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Die mich offen schon allein bezaubern;
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Es bewegen deine süßen Lippen
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Weder sich zur Rede noch zum Kusse;
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Aufgelöst sind diese Zauberbande
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Deiner Arme, die mich sonst umschlingen,
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Und die Hand, die reizende Gefährtin
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Süßer Schmeicheleien, unbeweglich.
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Wär's ein Irrtum, wie ich von dir denke,
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Wär es Selbstbetrug, wie ich dich liebe,
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Müßt ich's jetzt entdecken, da sich Amor
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Ohne Binde neben mich gestellet.

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Lange saß ich so und freute herzlich
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Ihres Wertes mich und meiner Liebe;
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Schlafend hatte sie mir so gefallen,
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Daß ich mich nicht traute, sie zu wecken.
46
Leise leg ich ihr zwei Pomeranzen
47
Und zwei Rosen auf das Tischchen nieder;
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Sachte, sachte schleich ich meiner Wege.
49
Öffnet sie die Augen, meine Gute,
50
Gleich erblickt sie diese bunte Gabe,
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Staunt, wie immer bei verschloßnen Türen
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Dieses freundliche Geschenk sich finde.

53
Seh ich diese Nacht den Engel wieder,
54
O wie freut sie sich, vergilt mir doppelt
55
Dieses Opfer meiner zarten Liebe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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