Morgenklagen

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Johann Wolfgang Goethe: Morgenklagen (1788)

1
O du loses, leidigliebes Mädchen,
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Sag mir an, womit hab ich's verschuldet,
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Daß du mich auf diese Folter spannest,
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Daß du dein gegeben Wort gebrochen?

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Drucktest doch so freundlich gestern abend
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Mir die Hände, lispeltest so lieblich:
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»ja, ich komme, komme gegen Morgen
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Ganz gewiß, mein Freund, auf deine Stube.«

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Angelehnet ließ ich meine Türe,
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Hatte wohl die Angeln erst geprüfet
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Und mich recht gefreut, daß sie nicht knarrten.

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Welche Nacht des Wartens ist vergangen!
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Wacht ich doch und zählte jedes Viertel:
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Schlief ich ein auf wenig Augenblicke,
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War mein Herz beständig wach geblieben,
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Weckte mich von meinem leisen Schlummer.

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Ja, da segnet ich die Finsternisse,
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Die so ruhig alles überdeckten,
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Freute mich der allgemeinen Stille,
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Horchte lauschend immer in die Stille,
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Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte.

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»hätte sie Gedanken, wie ich denke,
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Hätte sie Gefühl, wie ich empfinde,
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Würde sie den Morgen nicht erwarten,
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Würde schon in dieser Stunde kommen.«

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Hüpft' ein Kätzchen oben übern Boden,
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Knisterte das Mäuschen in der Ecke,
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Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause,
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Immer hofft ich, deinen Schritt zu hören,
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Immer glaubt ich, deinen Tritt zu hören.

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Und so lag ich lang' und immer länger,
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Und es fing der Tag schon an zu grauen,
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Und es rauschte hier und rauschte dorten.

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»ist es ihre Türe? Wär's die meine!«
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Saß ich aufgestemmt in meinem Bette,
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Schaute nach der halb erhellten Türe,
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Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte.
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Angelehnet blieben beide Flügel
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Auf den leisen Angeln ruhig hangen.

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Und der Tag ward immer hell' und heller;
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Hört ich schon des Nachbars Türe gehen,
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Der das Taglohn zu gewinnen eilet,
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Hört ich bald darauf die Wagen rasseln,
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War das Tor der Stadt nun auch eröffnet,
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Und es regte sich der ganze Plunder
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Des bewegten Marktes durcheinander.

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Ward nun in dem Haus ein Gehn und Kommen
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Auf und ab die Stiegen, hin und wieder
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Knarrten Türen, klapperten die Tritte;
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Und ich konnte, wie vom schönen Leben,
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Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden.

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Endlich, als die ganz verhaßte Sonne
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Meine Fenster traf und meine Wände,
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Sprang ich auf und eilte nach dem Garten,
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Meinen heißen, sehnsuchtsvollen Atem
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Mit der kühlen Morgenluft zu mischen,
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Dir vielleicht im Garten zu begegnen:
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Und nun bist du weder in der Laube
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Noch im hohen Lindengang zu finden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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