Deutscher Parnaß

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Johann Wolfgang Goethe: Deutscher Parnaß (1798)

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Unter diesen
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Lorbeerbüschen,
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Auf den Wiesen,
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An den frischen
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Wasserfällen
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Meines Lebens zu genießen,
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Gab Apoll dem heitern Knaben;
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Und so haben Mich, im stillen,
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Nach des Gottes hohem Willen
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Hehre Musen auferzogen,
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Aus den hellen Silberquellen
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Des Parnassus mich erquicket
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Und das keusche, reine Siegel
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Auf die Lippen mir gedrücket.

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Und die Nachtigall umkreiset
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Mich mit dem bescheidnen Flügel.
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Hier in Büschen, dort auf Bäumen
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Ruft sie die verwandte Menge,
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Und die himmlischen Gesänge
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Lehren mich von Liebe träumen.

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Und im Herzen wächst die Fülle
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Der gesellig edlen Triebe,
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Nährt sich Freundschaft, keimet Liebe,
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Und Apoll belebt die Stille
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Seiner Täler, seiner Höhen.
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Süße, laue Lüfte wehen.
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Alle, denen er gewogen,
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Werden mächtig angezogen,
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Und ein Edler folgt dem andern.

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Dieser kommt mit munterm Wesen
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Und mit offnem, heitrem Blicke;
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Diesen seh ich ernster wandeln;
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Und ein andrer, kaum genesen,
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Ruft die alte Kraft zurücke;
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Denn ihm drang durch Mark und Leben
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Die verderblich holde Flamme,
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Und was Amor ihm entwendet,
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Kann Apoll nur wiedergeben,
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Ruh und Lust und Harmonien
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Und ein kräftig rein Bestreben.

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Auf, ihr Brüder, Ehrt die Lieder!
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Sie sind gleich den guten Taten.
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Wer kann besser als der Sänger
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Dem verirrten Freunde raten?
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Wirke gut, so wirkst du länger,
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Als es Menschen sonst vermögen.

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Ja! ich höre sie von weiten:
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Ja! sie greifen in die Saiten,
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Mit gewalt'gen Götterschlägen
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Rufen sie zu Recht und Pflichten
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Und bewegen,
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Wie sie singen, wie sie dichten,
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Zum erhabensten Geschäfte,
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Zu der Bildung aller Kräfte.

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Auch die holden Phantasien
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Blühen
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Ringsumher auf allen Zweigen,
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Die sich balde,
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Wie im holden Zauberwalde,
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Voller goldnen Früchte beugen.

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Was wir fühlen, was wir schauen
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In dem Land der höchsten Wonne,
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Dieser Boden, diese Sonne
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Locket auch die besten Frauen.
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Und der Hauch der lieben Musen
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Weckt des Mädchens zarten Busen,
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Stimmt die Kehle zum Gesange,
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Und mit schön gefärbter Wange
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Singet sie schon würd'ge Lieder,
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Setzt sich zu den Schwestern nieder,
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Und es singt die schöne Kette
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Zart und zärter, um die Wette.

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Doch die eine
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Geht alleine
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Bei den Buchen,
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Unter Linden,
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Dort zu suchen,
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Dort zu finden,
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Was im stillen Myrtenhaine
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Amor schalkisch ihr entwendet,
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Ihres Herzens holde Stille,
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Ihres Busens erste Fülle.
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Und sie träget in die grünen
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Schattenwälder,
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Was die Männer nicht verdienen,
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Ihre lieblichen Gefühle;
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Scheuet nicht des Tages Schwüle,
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Achtet nicht des Abends Kühle
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Und verliert sich in die Felder.
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Stört sie nicht auf ihren Wegen!
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Muse, geh ihr still entgegen!

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Doch was hör ich? Welch ein Schall
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Überbraust den Wasserfall?
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Sauset heftig durch den Hain?
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Welch ein Lärmen, welch ein Schrein?
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Ist es möglich, seh ich recht?
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Ein verwegenes Geschlecht
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Dringt ins Heiligtum herein.

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Hier hervor
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Strömt ein Chor!
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Liebeswut,
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Weinesglut
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Rast im Blick,
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Sträubt das Haar!
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Und die Schar,
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Mann und Weib –
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Tigerfell
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Schlägt umher –
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Ohne Scheu
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Zeigt den Leib.
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Und Metall,
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Rauher Schall,
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Grellt ins Ohr.
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Wer sie hört,
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Wird gestört.
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Hier hervor
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Drängt das Chor;
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Alles flieht,
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Wer sie sieht.

120
Ach, die Büsche sind geknickt!
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Ach, die Blumen sind erstickt
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Von den Sohlen dieser Brut.
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Wer begegnet ihrer Wut?

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Brüder, laßt uns alles wagen!
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Eure reine Wange glüht.
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Phöbus hilft sie uns verjagen,
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Wenn er unsre Schmerzen sieht;
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Und uns Waffen
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Zu verschaffen,
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Schüttert er des Berges Wipfel,
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Und vom Gipfel
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Prasseln Steine
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Durch die Haine.
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Brüder, faßt sie mächtig auf!
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Schloßenregen
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Ströme dieser Brut entgegen
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Und vertreib aus unsern milden,
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Himmelreinen Lustgefilden
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Diese Fremden, diese Wilden!

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Doch was seh ich?
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Ist es möglich?
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Unerträglich
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Fährt es mir durch alle Glieder,
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Und die Hand
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Sinket von dem Schwunge nieder.
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Ist es möglich?
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Keine Fremden!
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Unsre Brüder
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Zeigen ihnen selbst die Wege!
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O die Frechen!
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Wie sie mit den Klapperblechen
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Selbst voraus im Takte ziehn!
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Gute Brüder, laßt uns fliehn!

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Doch ein Wort zu den Verwegnen!
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Ja, ein Wort soll euch begegnen,
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Kräftig wie ein Donnerschlag.
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Worte sind des Dichters Waffen;
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Will der Gott sich Recht verschaffen,
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Folgen seine Pfeile nach.

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War es möglich, eure hohe
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Götterwürde
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Zu vergessen! Ist der rohe,
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Schwere Thyrsus keine Bürde
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Für die Hand, auf zarten Saiten
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Nur gewöhnet hinzugleiten?
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Aus den klaren Wasserfällen,
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Aus den zarten Rieselwellen
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Tränket ihr
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Gar Silens abscheulich Tier?
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Dort entweiht es Aganippen
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Mit den rohen, breiten Lippen,
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Stampft mit ungeschickten Füßen,
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Bis die Wellen trübe fließen.

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O wie möcht ich gern mich täuschen;
175
Aber Schmerzen fühlt das Ohr;
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Aus den keuschen,
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Heil'gen Schatten
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Dringt verhaßter Ton hervor.
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Wild Gelächter
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Statt der Liebe süßem Wahn!
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Weiberhasser und – verächter
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Stimmen ein Triumphlied an.
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Nachtigall und Turtel fliehen
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Das so keusch erwärmte Nest,
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Und in wütendem Erglühen
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Hält der Faun die Nymphe fest.
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Hier wird ein Gewand zerrissen,
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Dem Genusse folgt der Spott,
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Und zu ihren frechen Küssen
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Leuchtet mit Verdruß der Gott.

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Ja, ich sehe schon von weiten
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Wolkenzug und Dunst und Rauch.
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Nicht die Leier nur hat Saiten,
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Saiten hat der Bogen auch.
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Selbst den Busen des Verehrers
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Schüttert das gewalt'ge Nahn,
197
Denn die Flamme des Verheerers
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Kündet ihn von weiten an.
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O vernehmt noch meine Stimme,
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Meiner Liebe Bruderwort!
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Fliehet vor des Gottes Grimme,
202
Eilt aus unsern Grenzen fort!
203
Daß sie wieder heilig werde,
204
Lenkt hinweg den wilden Zug!
205
Vielen Boden hat die Erde
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Und unheiligen genug.
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Uns umleuchten reine Sterne,
208
Hier nur hat das Edle Wert.

209
Doch wenn ihr aus rauher Ferne
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Wieder einst zu uns begehrt,
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Wenn euch nichts so sehr beglücket,
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Als was ihr bei uns erprobt,
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Euch nicht mehr ein Spiel entzücket,
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Das die Schranken übertobt:
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Kommt als gute Pilger wieder,
216
Steiget froh den Berg heran,
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Tiefgefühlte Reuelieder
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Künden uns die Brüder an,
219
Und ein neuer Kranz umwindet
220
Eure Schläfe feierlich.

221
Wenn sich der Verirrte findet,
222
Freuen alle Götter sich.
223
Schneller noch als Lethes Fluten
224
Um der Toten stilles Haus,
225
Löscht der Liebe Kelch den Guten
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Jedes Fehls Erinnrung aus.
227
Alles eilet euch entgegen,
228
Und ihr kommt verklärt heran,
229
Und man fleht um euern Segen;
230
Ihr gehört uns doppelt an!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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