Zweite Epistel

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Johann Wolfgang Goethe: Zweite Epistel (1790)

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Würdiger Freund, du runzelst die Stirn; dir scheinen die Scherze
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Nicht am rechten Orte zu sein; die Frage war ernsthaft,
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Und besonnen verlangst du die Antwort; da weiß ich, beim Himmel!
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Nicht, wie eben sich mir der Schalk im Busen bewegte.
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Doch ich fahre bedächtiger fort. Du sagst mir: »So möchte
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Meinetwegen die Menge sich halten im Leben und Lesen,
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Wie sie könnte; doch denke dir nur die Töchter im Hause,
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Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Bösen bekannt macht.«

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Dem ist leichter geholfen, versetz ich, als wohl ein andrer
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Denken möchte. Die Mädchen sind gut und machen sich gerne
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Was zu schaffen. Da gib nur dem einen die Schlüssel zum Keller
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Daß es die Weine des Vaters besorge, sobald sie, vom Winzer
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Oder vom Kaufmann geliefert, die weiten Gewölbe bereichern.
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Manches zu schaffen hat ein Mädchen, die vielen Gefäße,
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Leere Fässer und Flaschen in reinlicher Ordnung zu halten.
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Dann betrachtet sie oft des schäumenden Mostes Bewegung,
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Gießt das Fehlende zu, damit die wallenden Blasen
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Leicht die Öffnung des Fasses erreichen, trinkbar und helle
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Endlich der edelste Saft sich künftigen Jahren vollende.
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Unermüdet ist sie alsdann, zu füllen, zu schöpfen,
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Daß stets geistig der Trank und rein die Tafel belebe.

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Laß der andern die Küche zum Reich; da gibt es, wahrhaftig!
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Arbeit genug, das tägliche Mahl durch Sommer und Winter
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Schmackhaft stets zu bereiten und ohne Beschwerde des Beutels.
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Denn im Frühjahr sorget sie schon, im Hofe die Küchlein
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Bald zu erziehen und bald die schnatternden Enten zu füttern.
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Alles, was ihr die Jahrszeit gibt, das bringt sie beizeiten
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Dir auf den Tisch und weiß mit jeglichem Tage die Speisen
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Klug zu wechseln, und reift nur eben der Sommer die Früchte,
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Denkt sie an Vorrat schon für den Winter. Im kühlen
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Gewölbe Gärt ihr der kräftige Kohl und reifen in Essig die Gurken;
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Aber die luftige Kammer bewahrt ihr die Gaben Pomonens.
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Gerne nimmt sie das Lob vom Vater und allen Geschwistern,
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Und mißlingt ihr etwas, dann ist's ein größeres Unglück,
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Als wenn dir ein Schuldner entläuft und den Wechsel zurückläßt.
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Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
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Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu beglücken.
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Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich ein Kochbuch,
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Deren Hunderte schon die eifrigen Pressen uns gaben.

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Eine Schwester besorget den Garten, der schwerlich zur Wildnis,
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Deine Wohnung romantisch und feucht zu umgeben, verdammt ist,
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Sondern in zierliche Beete geteilt, als Vorhof der Küche,
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Nützliche Kräuter ernährt und jugendbeglückende Früchte.
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Patriarchalisch erzeuge so selbst dir ein kleines, gedrängtes
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Königreich, und bevölkere dein Haus mit treuem Gesinde.
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Hast du der Töchter noch mehr, die lieber sitzen und stille
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Weibliche Arbeit verrichten, da ist's noch besser; die Nadel
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Ruht im Jahre nicht leicht: denn noch so häuslich im Hause,
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Mögen sie öffentlich gern als müßige Damen erscheinen.
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Wie sich das Nähen und Flicken vermehrt, das Waschen und Biegen,
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Hundertfältig, seitdem in weißer, arkadischer Hülle
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Sich das Mädchen gefällt, mit langen Röcken und Schleppen
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Gassen kehret und Gärten, und Staub erreget im Tanzsaal.
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Wahrlich! wären mir nur der Mädchen ein Dutzend im Hause,
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Niemals wär ich verlegen um Arbeit, sie machen sich Arbeit
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Selber genug, es sollte kein Buch im Laufe des Jahres
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Über die Schwelle mir kommen, vom Bücherverleiher gesendet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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