Die Metamorphose der Pflanzen

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Johann Wolfgang Goethe: Die Metamorphose der Pflanzen (1798)

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Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
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Dieses Blumengewühls über dem Garten umher;
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Viele Namen hörest du an, und immer verdränget
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Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
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Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern,
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Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz,
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Auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin,
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Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort !
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Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
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Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.
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Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
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Stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt
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Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten,
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Gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
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Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
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Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
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Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
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Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
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Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
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Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
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Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
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Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
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Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
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Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
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Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt sich,
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Ausgebildet, du siehst's, immer das folgende Blatt,
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Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile,
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Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.
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Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
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Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
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Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
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Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
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Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung
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An und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin.
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Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße,
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Und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an.
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Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke,
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Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus.
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Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel,
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Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.
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Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne
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Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin.
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Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
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Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt.
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Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung,
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Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft.
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Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume
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Über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt.
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Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung.
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Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand.
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Und zusammen zieht es sich schnell; die zärtesten Formen,
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Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt.
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Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen,
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Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar.
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Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig,
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Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher.
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Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime,
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Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt.
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Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
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Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
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Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
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Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.
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Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
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Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt.
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Jede Pflanze verkündet dir nun die ew'gen Gesetze,
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Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir.
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Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
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Überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug.
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Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
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Bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.
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O gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft
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Nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß,
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Freundschaft sich mit Macht aus unserm Innern enthüllte,
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Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt.
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Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten,
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Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!
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Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe
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Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
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Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun
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Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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