Amyntas

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Wolfgang Goethe: Amyntas (1797)

1
Nikias, trefflicher Mann, du Arzt des Leibs und der Seele!
2
Krank, ich bin es fürwahr; aber dein Mittel ist hart.
3
Ach, mir schwanden die Kräfte dahin, dem Rate zu folgen;
4
Ja, und es scheinet der Freund schon mir ein Gegner zu sein.
5
Widerlegen kann ich dich nicht; ich sage mir alles,
6
Sage das härtere Wort, das du verschweigest, mir auch.
7
Aber, ach! das Wasser entstürzt der Steile des Felsens
8
Rasch, und die Welle des Bachs halten Gesänge nicht auf.
9
Rast nicht unaufhaltsam der Sturm? und wälzet die Sonne
10
Sich, von dem Gipfel des Tags, nicht in die Wellen hinab?
11
Und so spricht mir rings die Natur: »Auch du bist, Amyntas,
12
Unter das strenge Gesetz ehrner Gewalten gebeugt.«
13
Runzle die Stirne nicht tiefer, mein Freund, und höre gefällig,
14
Was mich gestern ein Baum dort an dem Bache gelehrt.
15
Wenig Äpfel trägt er mir nur, der sonst so beladne;
16
Sieh, der Efeu ist schuld, der ihn gewaltig umgibt.
17
Und ich faßte das Messer, das krummgebogene, scharfe,
18
Trennte schneidend und riß Ranke nach Ranken herab;
19
Aber ich schauderte gleich, als tief erseufzend und kläglich
20
Aus den Wipfeln zu mir lispelnde Klage sich goß:
21
»o verletze mich nicht! den treuen Gartengenossen,
22
Dem du, als Knabe, so früh, manche Genüsse verdankt.
23
O verletze mich nicht! du reißest mit diesem Geflechte,
24
Das du gewaltig zerstörst, grausam das Leben mir aus.
25
Hab ich nicht selbst sie genährt und sanft sie herauf mir erzogen?
26
Ist wie mein eigenes Laub nicht mir das ihre verwandt?
27
Soll ich nicht lieben die Pflanze, die, meiner einzig bedürftig,
28
Still mit begieriger Kraft mir um die Seite sich schlingt?
29
Tausend Ranken wurzelten an, mit tausend und tausend
30
Fasern senket sie fest mir in das Leben sich ein.
31
Nahrung nimmt sie von mir; was ich bedürfte, genießt sie,
32
Und so saugt sie das Mark, sauget die Seele mir aus.
33
Nur vergebens nähr ich mich noch; die gewaltige Wurzel
34
Sendet lebendigen Safts, ach ! nur die Hälfte hinauf.
35
Denn der gefährliche Gast, der geliebteste, maßet behende
36
Unterweges die Kraft herbstlicher Früchte sich an.
37
Nichts gelangt zur Krone hinauf, die äußersten Wipfel
38
Dorren, es dorret der Ast über dem Bache schon hin.
39
Ja, die Verräterin ist's! sie schmeichelt mir Leben und Güter,
40
Schmeichelt die strebende Kraft, schmeichelt die Hoffnung mir ab.
41
Sie nur fühl ich, nur sie, die umschlingende, freue der Fesseln,
42
Freue des tötenden Schmucks, fremder Umlaubung mich nur.«
43
Halte das Messer zurück! o Nikias, schone den Armen,
44
Der sich in liebender Lust, willig gezwungen, verzehrt!
45
Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten genießen!
46
Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.