Der Gott und die Bajadere

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Johann Wolfgang Goethe: Der Gott und die Bajadere (1797)

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Mahadöh, der Herr der Erde,
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Kommt herab zum sechsten Mal,
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Daß er unsersgleichen werde,
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Mitzufühlen Freud und Qual.
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Er bequemt sich, hier zu wohnen,
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Läßt sich alles selbst geschehn.
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Soll er strafen oder schonen,
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Muß er Menschen menschlich sehn.
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Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet,
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Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
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Verläßt er sie abends, um weiterzugehn.

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Als er nun hinausgegangen,
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Wo die letzten Häuser sind,
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Sieht er, mit gemalten Wangen,
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Ein verlornes schönes Kind.
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»grüß dich, Jungfrau!« – »Dank der Ehre!
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Wart, ich komme gleich hinaus.«
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»und wer bist du?« – »Bajadere,
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Und dies ist der Liebe Haus.«
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Sie rührt sich, die Cymbeln zum Tanze zu schlagen;
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Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
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Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.

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Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
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Lebhaft ihn ins Haus hinein.
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»schöner Fremdling, lampenhelle
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Soll sogleich die Hütte sein.
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Bist du müd, ich will dich laben,
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Lindern deiner Füße Schmerz.
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Was du willst, das sollst du haben,
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Ruhe, Freuden oder Scherz.«
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Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden.
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Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden
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Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

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Und er fordert Sklavendienste;
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Immer heitrer wird sie nur,
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Und des Mädchens frühe Künste
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Werden nach und nach Natur.
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Und so stellet auf die Blüte
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Bald und bald die Frucht sich ein;
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Ist Gehorsam im Gemüte,
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Wird nicht fern die Liebe sein.
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Aber sie schärfer und schärfer zu prüfen,
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Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
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Lust und Entsetzen und grimmige Pein.

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Und er küßt die bunten Wangen,
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Und sie fühlt der Liebe Qual,
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Und das Mädchen steht gefangen,
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Und sie weint zum erstenmal;
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Sinkt zu seinen Füßen nieder,
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Nicht um Wollust noch Gewinst,
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Ach! und die gelenken Glieder,
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Sie versagen allen Dienst.
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Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier
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Bereiten den dunklen, behaglichen Schleier
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Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.

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Spät entschlummert unter Scherzen,
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Früh erwacht nach kurzer Rast,
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Findet sie an ihrem Herzen
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Tot den vielgeliebten Gast.
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Schreiend stürzt sie auf ihn nieder;
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Aber nicht erweckt sie ihn,
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Und man trägt die starren Glieder
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Bald zur Flammengrube hin.
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Sie höret die Priester, die Totengesänge,
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Sie raset und rennet und teilet die Menge.
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»wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin?«

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Bei der Bahre stürzt sie nieder,
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Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
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»meinen Gatten will ich wieder!
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Und ich such ihn in der Gruft.
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Soll zu Asche mir zerfallen
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Dieser Glieder Götterpracht?
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Mein! er war es, mein vor allen!
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Ach, nur
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Es singen die Priester: »Wir tragen die Alten,
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Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
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Wir tragen die Jugend, noch eh sie's gedacht.

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Höre deiner Priester Lehre:
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Dieser war dein Gatte nicht.
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Lebst du doch als Bajadere,
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Und so hast du keine Pflicht.
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Nur dem Körper folgt der Schatten
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In das stille Totenreich;
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Nur die Gattin folgt dem Gatten:
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Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
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Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!
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O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,
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O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!«

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So das Chor, das ohn Erbarmen
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Mehret ihres Herzens Not;
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Und mit ausgestreckten Armen
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Springt sie in den heißen Tod.
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Doch der Götterjüngling hebet
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Aus der Flamme sich empor,
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Und in seinen Armen schwebet
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Die Geliebte mit hervor.
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Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
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Unsterbliche heben verlorene Kinder
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Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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