Der Müllerin Verrat

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Johann Wolfgang Goethe: Der Müllerin Verrat (1797)

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Woher der Freund so früh und schnelle,
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Da kaum der Tag im Osten graut?
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Hat er sich in der Waldkapelle,
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So kalt und frisch es ist, erbaut?
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Es starret ihm der Bach entgegen;
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Mag er mit Willen barfuß gehn?
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Was flucht er seinen Morgensegen
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Durch die beschneiten, wilden Höhn?

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Ach, wohl! Er kommt vom warmen Bette,
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Wo er sich andern Spaß versprach;
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Und wenn er nicht den Mantel hätte,
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Wie schrecklich wäre seine Schmach!
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Es hat ihn jener Schalk betrogen
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Und ihm den Bündel abgepackt;
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Der arme Freund ist ausgezogen
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Und fast, wie Adam, bloß und nackt.

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Warum auch schlich er diese Wege
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Nach einem solchen Äpfelpaar,
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Das freilich schön im Mühlgehege,
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So wie im Paradiese, war.
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Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
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Er drückte schnell sich aus dem Haus
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Und bricht auf einmal nun, im Freien,
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In bittre, laute Klagen aus.

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»ich las in ihren Feuerblicken
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Nicht eine Silbe von Verrat;
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Sie schien mit mir sich zu entzücken
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Und sann auf solche schwarze Tat!
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Konnt ich in ihren Armen träumen,
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Wie meuchlerisch der Busen schlug?
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Sie hieß den holden Amor säumen,
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Und günstig war er uns genug.

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Sich meiner Liebe zu erfreuen!
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Der Nacht, die nie ein Ende nahm!
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Und erst die Mutter anzuschreien,
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Nun eben als der Morgen kam!
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Da drang ein Dutzend Anverwandten
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Herein, ein wahrer Menschenstrom;
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Da kamen Vettern, guckten Tanten,
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Es kam ein Bruder und ein Ohm.

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Das war ein Toben, war ein Wüten!
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Ein jeder schien ein andres Tier.
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Sie forderten des Mädchens Blüten
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Mit schrecklichem Geschrei von mir. –
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Was dringt ihr alle wie von Sinnen
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Auf den unschuld'gen Jüngling ein?
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Denn solche Schätze zu gewinnen,
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Da muß man viel behender sein,

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Weiß Amor seinem schönen Spiele
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Doch immer zeitig nachzugehn.
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Er läßt fürwahr nicht in der Mühle
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Die Blumen sechzehn Jahre stehn. –
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Sie raubten nun das Kleiderbündel
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Und wollten auch den Mantel noch.
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Wie nur so viel verflucht Gesindel
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Im engen Hause sich verkroch!

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Nun sprang ich auf und tobt und fluchte,
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Gewiß, durch alle durchzugehn.
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Ich sah noch einmal die Verruchte,
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Und ach! sie war noch immer schön.
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Sie alle wichen meinem Grimme;
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Es flog noch manches wilde Wort;
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Da macht ich mich, mit Donnerstimme,
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Noch endlich aus der Höhle fort.

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Man soll euch Mädchen auf dem Lande
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Wie Mädchen aus den Städten fliehn.
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So lasset doch den Fraun von Stande
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Die Lust, die Diener auszuziehn!
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Doch seid ihr auch von den Geübten
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Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
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So ändert immer die Geliebten,
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Doch sie verraten müßt ihr nicht.«

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So singt er in der Winterstunde,
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Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.
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Ich lache seiner tiefen Wunde;
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Denn wirklich ist sie wohlverdient.
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So geh es jedem, der am Tage
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Sein edles Liebchen frech betriegt
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Und nachts, mit allzu kühner Wage,
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Zu Amors falscher Mühle kriecht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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