Musen und Grazien

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Johann Wolfgang Goethe: Musen und Grazien (1796)

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O wie ist die Stadt so wenig;
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Laßt die Maurer künftig ruhn!
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Unsre Bürger, unser König
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Könnten wohl was Bessers tun.
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Ball und Oper wird uns töten;
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Liebchen, komm auf meine Flur,
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Denn besonders die Poeten,
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Die verderben die Natur.

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O wie freut es mich, mein Liebchen,
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Daß du so natürlich bist;
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Unsre Mädchen, unsre Bübchen
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Spielen künftig auf dem Mist!
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Und auf unsern Promenaden
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Zeigt sich erst die Neigung stark.
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Liebes Mädchen! laß uns waten,
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Waten noch durch diesen Quark.

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Dann im Sand uns zu verlieren,
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Der uns keinen Weg versperrt!
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Dich den Anger hin zu führen,
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Wo der Dorn das Röckchen zerrt!
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Zu dem Dörfchen laß uns schleichen
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Mit dem spitzen Turme hier;
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Welch ein Wirtshaus sondergleichen!
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Trocknes Brot und saures Bier!

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Sagt mir nichts von gutem Boden,
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Nichts vom Magdeburger Land!
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Unsre Samen, unsre Toten
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Ruhen in dem leichten Sand.
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Selbst die Wissenschaft verlieret
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Nichts an ihrem raschen Lauf,
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Denn bei uns, was vegetieret,
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Alles keimt getrocknet auf.

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Geht es nicht in unserm Hofe
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Wie im Paradiese zu?
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Statt der Dame, statt der Zofe
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Macht die Henne glu! glu! glu!
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Uns beschäftigt nicht der Pfauen,
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Nur der Gänse Lebenslauf;
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Meine Mutter zieht die grauen,
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Meine Frau die weißen auf.

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Laß den Witzling uns besticheln!
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Glücklich, wenn ein deutscher Mann
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Seinem Freunde Vetter Micheln
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Guten Abend bieten kann.
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Wie ist der Gedanke labend:
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Solch ein Edler bleibt uns nah!
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Immer sagt man: Gestern abend
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War doch Vetter Michel da!

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Und in unsern Liedern keimet
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Silb aus Silbe, Wort aus Wort.
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Ob sich gleich auf Deutsch nichts reimet,
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Reimt der Deutsche dennoch fort.
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Ob es kräftig oder zierlich,
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Geht uns so genau nicht an;
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Wir sind bieder und natürlich,
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Und das ist genug getan.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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