Tischlied

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Johann Wolfgang Goethe: Tischlied (1802)

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Mich ergreift, ich weiß nicht wie,
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Himmlisches Behagen.
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Will mich's etwa gar hinauf
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Zu den Sternen tragen?
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Doch ich bleibe lieber hier,
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Kann ich redlich sagen,
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Beim Gesang und Glase Wein
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Auf den Tisch zu schlagen.

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Wundert euch, ihr Freunde, nicht,
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Wie ich mich gebärde;
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Wirklich ist es allerliebst
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Auf der lieben Erde:
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Darum schwör ich feierlich
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Und ohn alle Fährde,
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Daß ich mich nicht freventlich
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Wegbegeben werde.

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Da wir aber allzumal
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So beisammen weilen,
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Dächt ich, klänge der Pokal
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Zu des Dichters Zeilen.
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Gute Freunde ziehen fort,
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Wohl ein Hundert Meilen,
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Darum soll man hier am Ort
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Anzustoßen eilen.

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Lebe hoch, wer Leben schafft!
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Das ist meine Lehre.
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Unser König denn voran,
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Ihm gebührt die Ehre.
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Gegen inn' und äußern Feind
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Setzt er sich zur Wehre;
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Ans Erhalten denkt er zwar,
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Mehr noch, wie er mehre.

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Nun begrüß ich sie sogleich,
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Sie, die einzig Eine.
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Jeder denke ritterlich
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Sich dabei die Seine.
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Merket auch ein schönes Kind,
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Wen ich eben meine,
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Nun, so nicke sie mir zu:
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Leb auch so der Meine!

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Freunden gilt das dritte Glas,
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Zweien oder dreien,
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Die mit uns am guten Tag
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Sich im stillen freuen
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Und der Nebel trübe Nacht
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Leis und leicht zerstreuen;
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Diesen sei ein Hoch gebracht,
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Alten oder neuen.

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Breiter wallet nun der Strom,
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Mit vermehrten Wellen.
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Leben jetzt im hohen Ton
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Redliche Gesellen!
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Die sich mit gedrängter Kraft
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Brav zusammenstellen
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In des Glückes Sonnenschein
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Und in schlimmen Fällen.

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Wie wir nun zusammen sind,
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Sind zusammen viele.
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Wohl gelingen denn, wie uns,
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Andern ihre Spiele!
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Von der Quelle bis ans Meer
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Mahlet manche Mühle,
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Und das Wohl der ganzen Welt
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Ist's, worauf ich ziele.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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