Zueignung

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Johann Wolfgang Goethe: Zueignung (1790)

1
Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
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Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
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Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
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Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
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Ich freute mich bei einem jeden Schritte
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Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
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Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
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Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

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Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
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Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
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Er wich und wechselte, mich zu umfließen,
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Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
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Des schönen Blicks sollt ich nicht mehr genießen,
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Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
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Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
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Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.

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Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
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Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn.
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Hier sank er, leise sich hinabzuschwingen;
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Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
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Wie hofft ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
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Sie hofft ich nach der Trübe doppelt schön.
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Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
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Ein Glanz umgab mich, und ich stand geblendet.

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Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
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Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn,
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Ich konnt es nur mit schnellen Blicken wagen,
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Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
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Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
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Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
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Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben,
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Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.

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»kennst du mich nicht?« sprach sie mit einem Munde,
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Dem aller Lieb und Treue Ton entfloß:
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»erkennst du mich, die ich in manche Wunde
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Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
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Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
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Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
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Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
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Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?«

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»ja!« rief ich aus, indem ich selig nieder
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Zur Erde sank, »lang' hab ich dich gefühlt;
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Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
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Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt;
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Du hast mir wie mit himmlischem Gefieder
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Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
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Du schenktest mir der Erde beste Gaben,
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Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!

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Dich nenn ich nicht. Zwar hör ich dich von vielen
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Gar oft genannt, und jeder heißt dich
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Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
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Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
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Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen,
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Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
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Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
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Dein holdes Licht verdecken und verschließen.«

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Sie lächelte, sie sprach: »Du siehst, wie klug,
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Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
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Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
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Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
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So glaubst du dich schon Übermensch genug,
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Versäumst, die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
63
Wie viel bist du von andern unterschieden?
64
Erkenne dich, leb mit der Welt in Frieden!«

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»verzeih mir«, rief ich aus, »ich meint es gut;
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Soll ich umsonst die Augen offen haben?
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Ein froher Wille lebt in meinem Blut,
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Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
69
Für andre wächst in mir das edle Gut,
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Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
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Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
72
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«

73
Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
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Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
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Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
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Was ich verfehlt und was ich recht getan.
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Sie lächelte, da war ich schon genesen,
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Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran,
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Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
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Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.

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Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
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Der leichten Wolken und des Dufts umher;
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Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
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Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
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Mein Auge konnt im Tale wieder schweifen,
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Gen Himmel blickt ich, er war hell und hehr.
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Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
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Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.

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»ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
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Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!«
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– So sagte sie, ich hör sie ewig sprechen –
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»empfange hier, was ich dir lang' bestimmt,
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Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
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Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
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Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
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Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

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Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
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Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
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Sogleich umsäuselt Abendwindeskühle,
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Umhaucht euch Blumenwürzgeruch und Duft.
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Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
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Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
103
Besänftiget wird jede Lebenswelle,
104
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.«

105
So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
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Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
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Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
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Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
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Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
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So leben wir, so wandeln wir beglückt.
111
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
112
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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