Charakter ist nur Eigensinn

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Paul Scheerbart: Charakter ist nur Eigensinn Titel entspricht 1. Vers(1889)

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Charakter ist nur Eigensinn;
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Ich bin mit mir zufrieden.
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Ich geh nach allen Seiten hin;
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Wir sind ja so verschieden.

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Geht mir mit der Quälerei!
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Sie macht wirklich kein Vergnügen;
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Mir kann nur die Wurschtigkeit
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Toll und voll und ganz genügen.

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Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
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Das ist noch härter als der Antichrist.

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Ich möcht am liebsten meine Tinte
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Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
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Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

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Glaube mir:
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Ich streichle dir
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Die zarten vollen Wangen.
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Glaube mir:
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Ich hab nach dir
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Wahrhaftig kein Verlangen.
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Ich will dir immer gut sein!
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Bleibe mir nur ewig fern
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Wie der stille Abendstern.

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Ich hab die ganze Nacht gelacht –
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Natürlich – nur im Traume!
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Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
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Natürlich – noch im Raume!
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Ich kann nun nicht mehr lachen!
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Was soll ich also machen?
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Weiterwachen?

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Sei klein – dann ist die Welt so groß!
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Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
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Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
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Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
34
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

35
Reimerei und Schweinerei!
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Mir ist alles einerlei!
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Alte Katzen sind nicht blöde.
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Aber jene Untermenschen,
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Die ich täglich braten möchte,
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Machen mir die Welt so öde.
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Mir ist alles einerlei!

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Mensch, sei frei!

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Ach, nur im Dunkeln
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Funkeln die Sterne.

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Freche Fratze,
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Deine Glatze
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Ist nicht alt,
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Auch nicht jung,
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Bloß voll Dung,
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Hast du bald
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Dung genung?

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Die Eitelheit, die Eitelkeit –
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Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
54
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
55
Da steckt sie unter allen Häuten.

56
Der Nebel meiner Lebensqual
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Ist dunkel, trüb und fett.
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Ich liege still zu Bett.

59
Fahrig, lax, frivol und wischig
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Ist die große Alterskunst –
61
Gräßlich ist der ganze Dunst.

62
Doch die stillen Flaggenstöcke –
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Freunde, die laßt stehen,
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Wenn auch die Spektakelfeste
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Lichterloh vergehen.

66
Die Flaggenstöcke gingen tief
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In unsre alte Erde 'rein.
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Wir aber gingen immer schief –
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Im Sonnen- wie im Mondenschein.

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Alte böse Menschen schimpfen
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Über meine Lustigkeit.
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Und das ist doch weiter nichts als
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Alter, dunkelgelber Neid.

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Du kindische Kröte,
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Dich quetsch ich zu Brei.
76
Ich mag doch nicht hören
77
Die Mopslitanei,
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Die sich lustig macht
79
Über den, der lacht.

80
Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
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Natürlich – nur im Traume!
82
Ich fragte höflich die Mama:
83
Wozu ist das Männchen da?

84
Was denkt sich denn der junge Fant?
85
Ich liebte nie mein Vaterland.
86
Das tun ja schon so viel Soldaten!
87
So selbstgefällig bin ich nicht!

88
Lieber süßer Kannibale,
89
Liebst du meine Tante Male?
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Friß sie auf – sie ist gesund –
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Ihre Welt wird ihr zu bunt.

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Klarheit wollt ihr?
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Dicke Klarheit?
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Seid ihr echte Untermenschen?
95
Wollt ihr nicht den kummervollen
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Rausch der Ewigkeit umhalsen?
97
Wollt ihr nicht den götterhaften
98
Allempfindungsdünkel kosten?
99
Aber nein: ihr seid gescheidter;
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Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
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Denn der liebe Sandmann kam.

102
Ich weiß, was ich begehrte;
103
Nie klar wird das Verklärte.

104
Mit den Ketten will ich rasseln,
105
Daß das Trommelfell euch platze!
106
Es erblüh in euern Dasseln
107
Alles Glück in einem Satze.

108
Ach, nur im Dunkeln
109
Funkeln die Sterne.
110
Breite Nachtkapuzen,
111
Ich will euch nur uzen!
112
Keiner sticht euch tot!
113
Alles ist im Lot!

114
Überwinden, überwinden
115
Wollen wir die letzten Trümpfe.
116
Und wenn wir das Letzte finden,
117
Machen wir uns auf die Strümpfe.

118
Charakter ist nur Eigensinn.
119
Es lebe die Zigeunerin!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Scheerbart
(18631915)

* 08.01.1863 in Danzig, † 15.10.1915 in Berlin

männlich, geb. Scheerbart

deutscher Schriftsteller phantastischer Literatur und Zeichner

(Aus: Wikidata.org)

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