Die Gefangenen

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Kurt Tucholsky: Die Gefangenen (1912)

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Hörst du sie schlucken, Herrgott?
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Sie sitzen muffig riechend und essen ein muffiges Essen,
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holen es mit dem Blechlöffel aus den amtlichen Gefäßen
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und führen es in ihren privaten Mund.
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Der Körper verdaut es,
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und es ist ganz sinnlos, was sie da tun.
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Hörst du sie schlucken, Herrgott?

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Siehst du sie im Hof trotten, Herrgott?
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Man bewegt sie wie die Pferde, damit sie nicht frühzeitig
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sterben –
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sie sollen leidensfähig erhalten werden,
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und im Schubkasten des Gefängnispastors liegt eine Bibel.
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Daraus liest er ihnen von Zeit zu Zeit etwas vor und glaubt
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wirklich,
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er sei besser als sie.
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Siehst du sie in ihrer Kirche sitzen, Herrgott?

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Fühlst du sie leiden?
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Nachts bedrängen sie wüste Träume;
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ihre innere Sekretion ist nicht in Ordnung,
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sie sehen riesige Geschlechtsteile auf Beinen
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und zupfen an sich herum . . .
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Fühlst du sie leiden?

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Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.
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Doch kann kein Mensch den andern bestrafen, er kann ihn nur
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quälen.
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Denn Schuld und Strafe kommen niemals zusammen.
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Ja, sie haben gefehlt, das ist wahr.
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Da sitzen sie und leiden:
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Weil sie gestohlen haben;
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weil ihre Eltern nur einen verwüsteten Körper zeugen
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konnten;
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weil sie in Spanien eine Republik haben wollten;
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weil sie Stalins Politik nicht billigen;
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weil sie den Duce nicht lieben;
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weil sie in Amerika Gewerkschaften gründen
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wollten . . .
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Sie sind Späne des irdischen Sägewerks.
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Die Gerechten können nicht sein, wenn die Ungerechten nicht
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wären.
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Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

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Und so ist es eingeteilt:
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Sie haben gesündigt.
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Andre haben sie verurteilt.
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Wieder andre vollstrecken das Urteil.
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Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?

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Gott, du siehst es –!
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Erbarme, erbarme dich der Gefangenen!
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Der Mensch, der da richtet, erbarmt sich nicht.
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Man müßte ihn quälen, wiederum,
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und wiederum wäre nichts damit getan.
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Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie,
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die Gefangenen –?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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