Die Ortskrankenkasse

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Kurt Tucholsky: Die Ortskrankenkasse (1912)

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Ich komme in eine fremde Stadt
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– Kasolz oder Ober-Crammin –
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und nehme im Hotel ein Bad,
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dann tu ich den Mantel anziehn
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und gehe durch den fremden Ort
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an Läden und Kirchen vorbei
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und gucke hier und da und dort
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und seh eine Metzgerei,
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das Postamt . . . eine Bilderschau . . .
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und immer, in jeder Stadt,
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steht ein großer, prächtiger, neuer Bau,
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den man grade errichtet hat.
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Und dann frag ich. Und in jeder Stadt,
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die einen turnenden Schutzmann hat,
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sagt er auf, wie das brave Kind in der Klasse:
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»das? ist die neue Ortskrankenkasse.«

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So ein großes Haus . . . ! Sieh mal einer an . . . !
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Ein riesiger Kasten. Ja, wer so kann!
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Das tut jede Verwaltung, die auf sich hält;
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die Herren haben wohl sehr viel Geld.
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Wenn zwei Deutsche im Hof nämlich Holz zerspalten,
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stehn drei andere herum, die das verwalten.
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Und ich seh an dem feuchten Neubau hinauf,
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und dies steigt vor meinem Auge auf:
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Korridore mit vielen Türen,
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die alle in kleine Bürozimmer führen.
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In den Zimmern ist nichts Besondres los . . .
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Und es gibt zweierlei Sorten von Büros:
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Solche, in denen die Buchhaltungsfritzen,
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die gewöhnlichen Schreiber sitzen;
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die bebrüten Akten und führen Listen.
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Das sind die gemeinen Papier-Infanteristen.
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Kino, Kollegenklatsch, etwas Sport . . .
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wie schnell das Klassenbewußtsein verdorrt!
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Für eine Handlungsvollmacht, für einen Posten
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tun sie alles, wobei sie die Chefs nichts kosten.
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Und es haben die Mädels in den Buchhalterein
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einen Wunsch:
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Hier raus und geheiratet sein!
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Und alle schreiben und schreiben und schreiben
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und müssen ewig hinter den Pulten bleiben.
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Die schuften ihr ganzes Dasein vergebens.

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Doch in den andern Büros
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hockt dick und groß
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das Ideal des Wirtschaftslebens:

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Da sitzt der Mann an der Arbeitsstatt,
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der ein Sekretariat und ein Vorzimmer hat,
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(über jenen, die an ihren Arbeitsstätten
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gern ein Sekretariat und ein Vorzimmer hätten).
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Hier wird der Deutsche erst richtig heiter:
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kein Mensch mehr – nur noch Abteilungsleiter.
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Hier regiert er und wirkt und macht und tut . . .
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Das Telefon klirrt, die Gehirntätigkeit ruht –
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denn zwischen Arbeiten und Promenieren
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gibts noch ein Drittes: Organisieren.

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Hier steigen auf die kolossalen
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Ressort-Stunks und die Büro-Kabalen
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zwischen wildgewordenen Angestellten,
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denn jeder will mehr als der andre gelten.
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Hier sägt eine Lokomobile Holz,
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mit dem sie geheizt wird.
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Und wieviel Stolz,
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wieviel Eitelkeit steckt in diesen Puppen!
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Sie meinen sich, und sie sprechen von Gruppen,
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von Verbandsinteressen und Gemeinschaftsideen
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und können nicht bis zur Türe sehn.
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Hör zu, mein Kind:
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Diese Leute sind
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in geschäftiger Faulheit und wackrer Routine
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der Leerlauf der deutschen Verwaltungsmaschine.

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Es ist ein schwerer Krankheitsfall.
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Und das ist über-, überall:
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Ob Ortskrankenkasse, ob Filzfabrik;
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ob Finanzamt, ob Hochschule für Musik;
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ob Stadttheater, ob Magazin,
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ob Eisenhütte oder Farbindustrien –:

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Stets sitzt auf jedem Unternehmen
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– neben jenen, die andern das Brot wegnehmen –
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ein Ballon der Verwaltung, dick und breit,
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eine Allegorie der Nutzlosigkeit.
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Denn dieser ganze Verwaltungstrara
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ist nur um seiner selbst willen da.
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Sie glauben, daß sie in USA sind,
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und haben vergessen, wozu sie da sind.
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Kranke Proleten und deren Interessen . . . ?
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Vor lauter Verwaltung total vergessen.
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Noch eine neue Kartothek,
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noch eine Quittung und noch ein Beleg –
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Ingenieure? ein Kumpel? ein Prolet?
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Ein Kerl, der an seinem Schraubstock steht?
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Muß sein. Das ist ja alles ganz richtig.
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Aber wichtig?
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Verwaltung ist wichtig.

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Für die ist Geld da. Für die die neuen
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Kästen, die wie die Festungen dräuen.
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Forts des Leerlaufs und Depots der Papiere.
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Drinnen Juristen . . . alte Offiziere . . .
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Steh am Schraubstock, du Ochse – laß deine Maschinen
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laufen, du Tor – du wirst nichts verdienen.
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Verdienen tut der, der verwalten kann:
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der ist für die Wirtschaft der richtige Mann.

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Und so vegetieren die betrogenen Massen
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als Zwangsabonnenten von Ortskrankenkassen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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