Kino privat

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Kurt Tucholsky: Kino privat (1912)

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In vielen Prokuristen steckt ein Perser-Schah,
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der ruht, verzaubert. Aber manchmal, im Büro,
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wenn schläfrig nebenan die Schreibmaschinen schnattern,
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so kurz nach Tisch . . . schlägt er im Traum die Augen auf
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und atmet.
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Dreimal klatscht er leise
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in die Hände. Ibrahim erscheint
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und kreuzt die Arme, neigt sich, schweigt.
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»die Mädchen!« sagt der Prok . . . der Schah.
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Und sieben Mädchen trippeln
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um ihn herum, jung, schlank, mit Öl gesalbt,
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und eine ist dabei, feist wie ein praller Sack.
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Der Schah versinkt in Weiberfleisch, in Brüste, die ihn streicheln,
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er weiß nichts mehr, sieht rot, ist sieben Male Mann . . .
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Wach auf, Gehirn! Das Hirn erwacht,
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und aller Unflat, den er je gelesen
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und je erträumt, bricht aus dem Prokuristen-Schah.
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Er schaut, er schmatzt, er schmeckt, er wittert . . .
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»fatme! Suleima! Ah, du bist . . . «
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Entzwei
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reißt ihn ein Klingellaut, der hart verzittert.
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Schah ab. Der Prokurist:
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»hier Lützow siebenundsiebenzignulldrei!
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Am Apparat. Der Skonto? Wie gewöhnlich!
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Na, unser Doktor Freutel hat persönlich . . .«

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In vielen Angestellten wohnt ein Dschingis Khan,
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der schläft, verzaubert.
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Aber manchmal, wenn
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der launenhafte Chef den Angestellten piesackt,
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bis dem die Galle hochsteigt, bis er kocht
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und bis er platzt –: dann steht der Kriegsmongole
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wild in ihm auf. Er stürzt sich auf den Chef,
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pfeift seinen Leuten, und die packen
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den Herrn Direktor, binden ihn mit Lassos
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und werfen ihn auf ihre Pferde,
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nein: er wird am Sattel festgebunden
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und muß nun laufen. Laufe! Willst du laufen!
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Du Hund! Die Peitsche saust. Es stöhnt der Chef!
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Dann wirbeln ihn die Reiter auf die Erde
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und schneiden ihm . . . nein: nadeln ihn . . .
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nein: braten ihn in Kohlenfeuer
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und streuen Salz und Pfeffer in die Wunden.
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Und Mostrich.
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Und der Dschingis Khan
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streicht seinen Seidenbart und lächelt: »Na, Herr Zaschke . . .?«
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Und während der Gefangene sich am Boden ringelt,
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ergreift der Dschingis Khan den vollen Silberhumpen,
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tut einen tiefen Schluck . . .
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»der Alte hat geklingelt!«
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»sie! Könn Sie mir nicht Ihre Zinstabelle pumpen?«
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– »Gewiß, Herr Direktor!
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Jawohl, Herr Direktor Zaschke!
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Bis morgen früh, Herr Direktor!
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Seppfaständlich, Herr Direktor –!«

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So laufen manche Filme tief in Finsternissen.
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Kino privat. Der Regisseur siegt immer über das Geschick.
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Du lächelst, Lottchen. Und ich möchte gerne wissen:
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Was denkst du dir in diesem Augenblick?
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Du machst dir viele Filme aus den Dingen.
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Das tun sie alle. Laß sie ruhig drehn.
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Denn sagts der andre nicht wie Götz von Berlichingen –:
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das, was er denkt, kann man zum Glück nicht sehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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