Der Meineid

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Kurt Tucholsky: Der Meineid (1912)

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Wenn denn Jeorjen seine Fauste
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in Lottchen ihre Augen sauste,
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denn freute sich det janze Haus.
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Indem daß alle einich waren:
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ne Frau von vierunddreißig Jahren,
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die sieht jefälligst anders aus.
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Na, det will ick mein –!

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Von wejen: sich die Backen pudern
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un nachts mit fremde Kerle ludern –
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man weeß doch, wat det heißen soll!
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Wer Ohren hat, kann manches hören . . .
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»det könn wa allesamt beschwörn –
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er haut ihr nachts den Buckel voll!
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Frau Grimkasch sacht auch.«

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Frau Grimkasch hats von Frollein Klüber,
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die wohnt Jeorjen jejenüber,
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wer richtich kieken kann, der sieht.
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Frau Grimkasch sacht noch uffn Flure:
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»na, wissen Se, die olle Hure . . . !«
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denn jehn se alle nach Moabit.
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Morjens halb zehn, zweiter Stock.

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Da stehn se nu wie Orjelpfeifen;
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die Weiba fangen an zu keifen,
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der Richter ruft: »Immer eine nur!«
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Det sind nu Fraun von Kommenisten,
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von Jelben un von Sozialisten . . .
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hier is det allens eine Tour.
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Denn nischt jreift so det Herze an
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wie die Sorje um den Nebenmann.

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Nu wird man die Pochtjehsche hören.
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»jawoll! Det kann ick jlatt beschwören!
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Der kleene Horst stand ooch dabei!
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Frau Grimkasch sacht, die Klübern hätte
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die beiden überrascht int Bette –
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und det Klosett wah auch nich frei!
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So wahr mir Gott helfe!«

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Der Richter schreibt det in die Biecher.
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Der Staatsanwalt mit seinen Riecher . . .
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Meineidsverfahren! Alle Mann.
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Frau Grimkasch. Lottchen mit de Prüjel,
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der janze linke Seitenflüjel –
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die treten alle nochmah an.
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Acht Jahre Zuchthaus.

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Wat nehmlich unsa Staat ist heute –:
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pisaken sone kleinen Leute,
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det kann er nämich meisterlich.
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A seine Deutschen Arbeit jehm
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un Licht un Luft un jutet Lehm . . .
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det kann er nich.
50
Det kann er nich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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