Subkutan

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Kurt Tucholsky: Subkutan (1912)

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Ich geh mit etwas weichen Knien
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und träumerisch durch ganz Berlin
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leicht angeknockt und ein wenig schwach:
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ernsten Berufsgeschäften nach.
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Der Ordner hieß ›Helvetia‹;
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von den Packpapierbogen ist nichts mehr da;
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die Lieferung hätten wir noch ergattert –
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Telefon schnurrt, Schreibmaschine schnattert . . .
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Chinesisch-fett ruht mein Gesicht,
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und was gestern war, weiß keiner nicht.

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Da gibt es im Märchen einen Zwerg,
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der glaubt sich mit allem längst über den Berg;
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an einem unbewachten Ort
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sagt das Dummchen sein Zauberwort
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und tanzt dazu auf einem Bein
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und steht nicht an, vor sich hin zu schrein:
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»ach, wie schön, daß niemand weiß,
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daß ich Rumpelstilzchen heiss –!«

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Vor mir schreibt ein gebeugter Scheitel . . .
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Männer sind manchmal bodenlos eitel.
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Und in mir gluckert ein Freudengebraus:
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ich hab euch allen etwas voraus!
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Und beschaulich, in guter Ruh,
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seh ich den Geisteskranken zu,
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die sich im Reichstag wichtig machen,
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hör still erfreut die Schlagzeilen krachen
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von Morgen–, Mittag- und Nachtausgabe . . .
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Macht, macht . . . Ich persönlich habe
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meinen Teil weg. Und bin angenehm matt.
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Wer hat, hat.

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Nur kein Neid.
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Das ist die schönste Tageszeit:
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die nach der Erfüllung. Da läßt man sich treiben,
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möchte immerzu die Hände reiben
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und hat zu eignem Privatgebrauch
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so etwas wie Schadenfreude im Bauch.
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Denn jeder Kerl glaubt dann und wann,
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er sei ganz alleine ein Mann.

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Kein Feuer, keine Kohle
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kann brennen so heiß
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wie die heimliche Liebe,
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von der niemand nichts weiß.

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Kennst du das?

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Zu dem, was an solchem Tage geschieht,
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zu allem, was dein Auge sieht,
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zu allen Reden und Diskussionen,
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zu allen Reichsgerichts-Konstruktionen;
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zu Vollbärten, die sich gebildet bekleckern –:
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immer hörst du ein Stimmchen meckern:
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»ach, wie schön, daß niemand weiß,
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daß ich Rumpelstilzchen heiß –!«

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Mensch, sei diskret! Ein Dummkopf, wer sich spreizt.
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Fremder Hunger langweilt.
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Fremdes Glück reizt.
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Und dann sieht dich jemand in ihrem Haus.
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Und dann ist die ganze Bescherung aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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