Kartengruß aus dem Engadin

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Kurt Tucholsky: Kartengruß aus dem Engadin (1912)

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Unten im weißen Nietzsche-Haus
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geht Ludwig Fulda ein und aus und ein und aus.
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Wegen kongenial.
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Drum herum wallen und ziehn
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Menschenbrocken, ausgespien
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aus Berlin.
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Herr Wendriner, Frau Wendriner.
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Lauter ringfeine Smoking-Berliner.
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Wenn sie durch die Landschaft gehn,
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wird ihnen hintenrum so mondän.
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Sie machen mit den Kellnern Krach,
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sie sind wie im Geschäft: überwach.
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Der Fexgletscher leuchtet in eisiger Ruh –
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ihr Gesicht sagt: Das steht mir nämlich zu.
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Ich hab es bestellt. Ich hab es bezahlt.
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Für mich ist der Zauber hier aufgemalt.
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Nachts unter den ewigen Sternen
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werden sie in grauen Kasernen
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untergebracht. Da, in den Riesenhotels,
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schlummern die großen Frauen voll Schmelz
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selig im Arm der Liebe. Na, Arm . . .
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Die Leipziger Straße hat ihren Charme
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hier hinaufgeschickt in sauerster Süße . . .

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Du guter Leser – herzliche Postkartengrüße!
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Hier gletschern die Gletscher. Der Fexbach rauscht.
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Die Sonne brennt. Das Zeltdach bauscht
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sich im heißen Mittagswind.
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Ein Kindlein pflückt bunte Blumen lind.
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Da sitzt Theobald und fühlt innerlich:
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Und wer pflückt mich?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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