Duo, dreistimmig

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Kurt Tucholsky: Duo, dreistimmig (1912)

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Götz von Berlichingen und der General Cambronne
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(derselbe, der damals in der Schlacht von
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Waterloo nicht gesagt hat wie im Heldengedicht:
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»die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht!«
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Sondern er sagte nur schlicht:
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»merde!«) –
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dieser General Cambronne und Götz von Berlichingen
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trafen sich neulich im Café und täten daselbst singen:

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»wir, die Nationalheiligen zweier Nationen,
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die man uns anruft, wo nur Franzosen und Deutsche wohnen,
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haben uns hier pro Nase einen Mokka Dubel bestellt
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und betrachten zur Abwechslung einmal den Lauf der Welt.«

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Der Götz begann:
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»was hältst du, Bruderherz, von den Demokraten,
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die noch in jeden Wein ihr Wasser abschlagen taten,
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vorsichtig,
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umsichtig,
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nachsichtig,
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kurzsichtig –
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und liegen immer unten. Was hältst du davon –?«
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»merde –!« sagte Cambronne.

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»was aber hältst du, Bruder, von den preußischen Richtern,
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diesen Vollzugsbeamten von Denkern und Dichtern?
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Wie sie nichts hören und nichts sehn – aber zuschlagen
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und um sich Jammer verbreiten und Klagen.
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Wie sie die Wehrlosen fangen in ihren Schlingen . . . ?«
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» . . . . . . !« sagte der Götz von Berlichingen.

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Und fuhr fort:
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»kennst du aber die uniformierten Burschen in allen Ländern,
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die in ihren bekleckerten Indianergewändern
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den nächsten Krieg vorbereiten? Mit dem Anspruch aufs Panthéon?«
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»ah merde –!« sagte Cambronne.

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Und fuhr fort:
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»kennst du aber die Theaterdirektoren?
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Jedem ist gerade ein neues Genie geboren,
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und besiehst du dir näher die göttliche Ware,
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ists ein Genie vom vorigen Jahre.
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Haben einen Augenfehler: schielen auf die Kritik
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und sitzen in einer Konjunktur-Fabrik.
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Wär gar nicht übel. Nur:
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es ist immer die falsche Konjunktur.
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Wirr. Unzuverlässig. Ja, was können sie denn vor allen Dingen –?«
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Da sagte es der Götz von Berlichingen.

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Und fuhr fort:
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»was hältst du aber hingegen von den Parlamenten?
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Mit ihren Kommissionssitzungen und ihren Re- und Korreferenten?
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Bruder, sag mir, ist es bei euch das gleiche
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wie in unserm republikanischen Kaiserreiche?
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Das Ganze nennt man Demokratie –
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ist aber nur eine politische Schwerindustrie.
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Gut vor hundert Jahren. Heute: so alt, so alt –
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Kluge verlangen eine neue Staatengestalt.
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Dumme beharren bei ihrem kindlichen Eifer –
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Habt ihr auch sozialdemokratische Dudelsackpfeifer?
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Wir haben sie. Prost, lieber Bruder, du!
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Was sagen nur unsre respektiven Wähler dazu –?

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Pfeift das nicht alles auf dem vorletzten Loche:
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Demokraten,
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Theater,
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Offiziere,
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Richter –
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Was sagen sie überhaupt zu dieser Epoche –?«
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Da standen beide auf: der Götz und der General Cambronne
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und zogen laut rufend die Konsequenz davon.
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Jeder sagte seinen Spruch. Die Tassen bebten. Und allen schien,
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als werde hier einem Weltenwunsch Ausdruck verliehn . . .
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»merde –!« sagte Cambronne. Und der andre der beiden Recken:
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»sag ihnen allen, sie könnten mich und so weiter beklecken!«

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An der Wand, ganz heimlich, in guter Ruh,
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steht Theobald Tiger und gibt seinen Segen dazu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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