Die freien Deutschen

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Kurt Tucholsky: Die freien Deutschen (1912)

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Wenn der Papst abends durch seine Gemächer geht,
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leise, vorsichtig wandelnd, es ist schon spät,
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bleibt er am Bücherbord ein bißchen stehn,
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läßt den Blick über mattschimmernde Titel gehn . . .
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Herders Werke – ist da zu lesen . . .
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»ah – Deutschland –« denkt er, »ein gutes Land.
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Das ist uns sicher. Das haben wir fest in der Hand.
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Da ist nichts zu fürchten . . . Übrigens ist das sein Glück –!«
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Und dann geht er ein Stück
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und zieht sich gänzlich in seine Gemächer zurück.

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Wenn ein Bankdirektor am Adriatischen Meer
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badet – frischen Wind bringt die Luft von Süden her,
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die Wellen glitzern . . . draußen treibt ein Boot . . .
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Der Bankmann frottiert sich mit seinem Bademantel, der ist weiß und rot . . .
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»übrigens«, sagt er zu seinem Schwager, der neben ihm sitzt
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und dumpfbrütend schwitzt,
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»diesmal bin ich direkt ruhig auf Urlaub gefahren.
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Alles ist still. Im Reichstag liegen se sich in den Haaren.
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Laß se liegen. Kein Bolschewismus. Kein Experiment.
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Unberufen . . . Bei so einem Präsident –!«
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Und der Schwager schwitzt und hockt kalbsdämlich da.
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Schöner Sonnenfriede liegt über der Adria.

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Gutsbesitzer. Militärs. Stahlhelmkommis. Richter. Polizei.
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Eine himmlische Ruhe und Gewißheit ist in ihnen.
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Die Revolution ist endgültig vorbei.

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Aber im ganzen Lande – das hätte ich beinah vergessen –
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klappen sich auf die gewaltigsten Schnurrbartfressen:
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»ein freies Deutschland! Anschluß an Österreich!
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Frei von dem welschen Joch! Frei wolln wir sein! Aber gleich –!«
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Innerlich stramm stehn. Versklavt von tausend Gewalten.
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Im übrigen: »Weg mit Wersalch!«
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Gott liebt es, sowas zu erhalten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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