Place des Vosges

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Kurt Tucholsky: Place des Vosges (1912)

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Viereckig liegt der Platz. Die Bäume, Gitter
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und Häuser rings sehn mich quadratisch an,
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und in der Mitte trabt ein Marmorritter,
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ein unbeschreiblich kaiserlicher Mann.
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Ich sitz und knack an Papageiennüssen
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und bin schon bis zur dreißigsten gediehn –
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da hab ich plötzlich daran denken müssen:
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Was macht wohl jetzt, im Augenblick, Berlin?

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Vor Josty staut sich hier und da ein Wagen.
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Ein Dicker kauft ein
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(um Viertel sechs) – zwei dünne Kellner tragen
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das Eis, das jeder zu verzehren hat.
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Und in der Untergrundbahn Kellerräumen
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ruft einer: »Wolln Sie nich den Korb wechziehn?«
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»sie Lümmel!« hallt es noch in meinen Träumen . . .
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Was macht wohl jetzt, im Augenblick, Berlin?

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Kaufleute schuften. Alle Uhren treiben.
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Und alle Welt hat Dienst. Kein Mensch flaniert.
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Ein Redakteur darf einen Aufsatz schreiben
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auf Poincaré, der doch nicht inseriert.
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Die Damen gehen shopping voller Eile
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und wackeln emsig mit dem Hinterteile . . .
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Auch dieser Platz war einmal ohne Tadel;
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hier wohnte früher guter, alter Adel.
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Jetzt kümmert sich kein feiner Mann um ihn.
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Vielleicht aus Neugier jener oder dieser . . .
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Ich aber denk als alter Spree-Pariser:
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Wie lieb ich dich! Von weitem. Mein Berlin –!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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