Drei Minuten Gehör!

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Kurt Tucholsky: Drei Minuten Gehör! (1912)

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Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
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von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
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von euch, die ihr die Feder führt,
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von euch, die ihr die Kessel schürt,
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von euch, die mit den treuen Händen
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dem Manne ihre Liebe spenden –
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von euch, den Jungen und den Alten –:
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Ihr sollt drei Minuten inne halten.
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Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
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Wir wollen uns einmal erinnern.

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Die erste Minute gehöre dem Mann.
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Wer trat vor Jahren in Feldgrau an?
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Zu Hause die Kinder – zu Hause weint Mutter . . .
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Ihr: feldgraues Kanonenfutter –!
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Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben.
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Da saht ihr keinen Fürstenknaben:
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der soff sich einen in der Etappe
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und ging mit den Damen in die Klappe.
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Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt.
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Wart ihr noch Gottes Ebenbild?
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In der Kaserne – im Schilderhaus
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wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus.
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Der Offizier war eine Perle,
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aber ihr wart nur ›Kerle‹!
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Ein elender Schieß- und Grüßautomat.
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»sie Schwein! Hände an die Hosennaht –!«
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Verwundete mochten sich krümmen und biegen:
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kam ein Prinz, dann hattet ihr stramm zu liegen.
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Und noch im Massengrab wart ihr die Schweine:
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Die Offiziere lagen alleine!
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Ihr wart des Todes billige Ware . . .
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So ging das vier lange blutige Jahre.
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Erinnert ihr euch –?

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Die zweite Minute gehöre der Frau.
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Wem wurden zu Haus die Haare grau?
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Wer schreckte, wenn der Tag vorbei,
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in den Nächten auf mit einem Schrei?
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Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen,
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der anstand in langen Polonaisen,
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indessen Prinzessinnen und ihre Gatten
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alles, alles, alles hatten – –?
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Wem schrieben sie einen kurzen Brief,
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daß wieder einer in Flandern schlief?
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Dazu ein Formular mit zwei Zetteln . . .
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wer mußte hier um die Renten betteln?
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Tränen und Krämpfe und wildes Schrein.
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Er hatte Ruhe. Ihr wart allein.
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Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel,
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euch in die Arme zurück als Krüppel.
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So sah sie aus, die wunderbare
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große Zeit – vier lange Jahre . . .
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Erinnert ihr euch –?

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Die dritte Minute gehört den Jungen!
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Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen!
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Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei!
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Sorgt dafür, daß es immer so sei!
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An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun
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von Millionen deutschen Männern und Fraun.
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Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen!
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Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen –:
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Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
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Ihr seid die Zukunft!
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Euer das Land!
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Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
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Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
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Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
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Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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