Die Marburger

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Kurt Tucholsky: Die Marburger (1912)

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»herr Kamerad? –
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Die fuffzehn Leute?
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Was soll damit?« – »Na so – –, das muß noch heute – –,
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am besten gleich.« – Und eine Handbewegung. Fünfzehn trotten,
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vom Kolbenschlag getrieben, vorwärts.
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Junge Herren, in knapper Uniform der Offiziere,
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mit Orden, Ehrenzeichen und Monokel,
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daneben her. Die Leute schleppen
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sich mühsam weiter. Einer blutet. Viele stöhnen.
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Die Herren rauchen, lärmen, lachen, sprechen.
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Und leise, einer, von den Offizieren: »An den Straßengraben!«
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Und: »Sechste Kompanie nach vorne!
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Der Trupp mit den Gefangenen an den Schluß!«
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ruft eine Stimme. Aufgerissene Augen . . .
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Sie wehren sich, die Zivilisten. Fliehn?
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Sie kennen das. Sie wollen nicht. Und die Studenten
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haun mit den Kolben aufgekrümmte Rücken,
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»marsch an den Straßenrand! Ihr wollt nicht? Hunde –!«
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Den Korpsstudenten, die, als Offiziere kostümiert,
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den Zug begleiten, wird der Kram zu bunt.
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»na, los doch, Kinder! Macht doch Schluß!« –
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Und Schüsse hallen durch den Morgennebel.
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Geschrei, Gestöhn. Die blutigen Körper rollen
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im Staub. Die Leutnants lachen. »So, die sind wir los!
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Die sind erledigt –!«

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Ihr werdet sie nicht los.
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Die Korporalschaft,
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die da korrekt und kameradschaftlich
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Gericht markierte, ändert nichts daran:
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Und ihr habt gekniffen!
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Ihr müßt dem Pack Autorität beweisen?
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Und hätte einer nun von denen blind-fanatisch
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den General und einen nur von euch
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erschossen oder auch verwundet –: ein Gericht
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wär über diesen Mann hereingebrochen,
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daß er gewußt hätt, was er da getan.
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Zu Tode! – Zuchthaus! – Zuchthaus! – Glatt zum Tode! –
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Und ihr –?
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Ihr habt gekniffen.
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Besinnt euch plötzlich, daß ihr eigentlich Soldaten,
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und daß ein Kriegsgericht da kompetent.
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Ein Standgericht? Standesgericht sollts heißen.

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Feg sie hinweg, wenn du noch Atem hast!
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Volk!
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Das werden deine Richter und Beamte!
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Volk!
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Das darf dich einmal richten und verwalten,
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wenns ausstudiert hat!
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Volk!
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Feg sie hinweg!
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Das bunte Öl, das glitzernd
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auf deinem Wasser oben schwimmt, ist Dreck.
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Und hältst du wieder still und läßt sie schalten:
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Sie lachen. Töten. Werden was.
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Und alles bleibt beim alten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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