Denn Blut wird fließen, Blut soll fließen –

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Kurt Tucholsky: Denn Blut wird fließen, Blut soll fließen – Titel entspricht 1. Vers(1912)

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Denn Blut wird fließen, Blut soll fließen –
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mit Worten werdet Ihr nicht quitt –
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soll neu Gedankensaat euch sprießen,
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wills Einen, der am Kreuze litt,
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und wollt Ihr neue Bünde schließen,
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bedarfs des Bluts dazu als Kitt.

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Der Männerchor – o wie phantastisch
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der schwarzgefrackte Männerbauch,
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wie glasig-schön und wie bombastisch
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das aufgeschlag'ne Männeraug',
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vielleicht ein bißchen päderastisch
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der weiblichen Tenöre Hauch . . .
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So singt denn, wie die Redwitz sangen,
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und zeigt, was Ihr vielstimmig wert,
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mit Flöten zähmt man wilde Schlangen,
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zähmt Ihr mit Singen euer Pferd.
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Denn eigentlich, bei Licht betrachtet,
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was Deutsche, ist denn eure Lust?
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Materie habt Ihr stets verachtet,
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Ihr schwärmt nur, wenn in eurer Brust
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ein riesiges Empfinden nachtet,
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das zu Musik wird unbewußt.
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Ließt Ihr euch nicht absichtlich treten
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von euern Fürsten Tag und Nacht,
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und habt aus euern Schmerzensnöten
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dann einen Männerchor gemacht?

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Das Herz:
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Ihr meint: von Siebzig, Einundsiebzig
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wär das 'ne heitere Vision –
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das Siegen, das vererbt sich, gibt sich,
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so weg vom Vater auf den Sohn,
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und auch das Einkassieren übt sich
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von Gold Milliarde und Million?
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Nun, übt euch fleißig nur im Hoffen,
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doch sagt es hier nicht allzulaut!
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Was mich betrifft, so wünscht' ich offen,
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Ihr würdet ordentlich gebaut,
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gleichviel von wem, von welchem Feinde.
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Eu'r Untergehn ist unser Sieg –
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die große, geistige Gemeinde,
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sie kennt nur einen einz'gen Krieg . . .

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Wo bist Du, Deutschland? O, in deinen Tannen
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der dunkle und geheime Flüsterwind,
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in dem du deine Seele auszuspannen
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gewohnt, und der so freundlich und so lind,
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er rauscht nicht mehr – die Geister all entrannen
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vor einem Nordwind eisig und geschwind . . .
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Du Büffelherde, trotzig-ungelenke,
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die durch die Wälder raset mit Gestank,
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folgst heute einem einz'gen Stier zur Tränke,
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und dieser eine Stier ist geisteskrank.

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Wenn einmal auf die Schlösser springen
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und in der Spree fließt roter Wein,
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dann wird man solche Lieder singen,
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dann hört man solche Melodeien!

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Herr Moltke brauchte einst die Phrase:
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»das Heer ist gegen Deutsche da,
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man säubert damit von der Straße
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die Menschen, die dem Schloß zu nah'
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gewagt sich« – beim Champagnerglase
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fand seine Rede viel Hurrah!
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Doch irrt euch nicht, Ihr lieben Kinder
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der Gasse, denn kommt einst die Uhr,
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macht gegen Kronen und Cylinder
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Ihr Front, und sagt: Choc en retour!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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