Die Schule

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Kurt Tucholsky: Die Schule (1912)

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Wer die Schule hat, hat das Land.
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Aber wer hat die bei uns in der Hand!

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Du hörst schon von weitem die Schüler schnarchen.
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Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,
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die alten Pauker mit blinden Brillen,
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sie bändigen und töten den Schülerwillen.
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Und lesen noch immer die alte Fibel
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und lehren noch immer den alten Stiebel:

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Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten
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die großen Völkerentscheidungen brachten,
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wie die Fürsten und die Söldnerlanzen
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den großen blutigen Contre tanzen,
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und ohne die heilige Monarchie
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sei die Hölle auf Erden – und schließlich, wie
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die Völker nur eigentlich Statisten seien.
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Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.
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Könnten eben nichts weiter dafür . . .

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Und sie lernen vom Kupfercyanür.
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Und von den braven Kohlehydraten.
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Und von den beiden Koordinaten.
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Und von der Verbindung mit dem Chrome.

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Lernen auch allerhand fremde Idiome.
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Ut regiert den Konjunktiv.
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Polichinelle ist ein Diminutiv.
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Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

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Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!
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Seelenmord und Seelenraub!
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Unter die Kruste von grauem Staub
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drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.
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Der alte Schulrat im alten Kleid.
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Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus
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schließlich nach Oberprima heraus?

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Ein nationalistischer langer Lümmel.
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Gut genug für den Ämterschimmel.
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Gut genug für die alten Karrieren –
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als ob die heute noch notwendig wären!

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Türen auf und Fenster auf!
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Lege deine Hand darauf,
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lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,
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wie die alten Griechen sungen –
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aber ohne die Philologie
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und ohne die Kriegervereinsmelodie!

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Wer die Jugend hat, hat das Land.
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Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.
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Und eh wir uns recht umgesehn,
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im Handumdrehn,
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sind durch die Schulen im Süden und Norden
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aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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