Krieg dem Kriege

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Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege (1912)

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Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
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Zeit, große Zeit!
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Sie froren und waren verlaust und haben
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daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
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weit, weit –!

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Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
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Und keiner, der aufzubegehren wagt.
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Monat um Monat, Jahr um Jahr . . .

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Und wenn mal einer auf Urlaub war,
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sah er zu Haus die dicken Bäuche.
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Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
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der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
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Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
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»krieg! Krieg!
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Großer Sieg!
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Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!«
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Und es starben die andern, die andern, die andern . . .

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Sie sahen die Kameraden fallen.
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Das war das Schicksal bei fast allen:
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Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
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Ein kleiner Fleck, schmutzigrot –
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und man trug sie fort und scharrte sie ein.
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Wer wird wohl der nächste sein?

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Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
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Werden die Menschen es niemals lernen?
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Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
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Wer ist das, der da oben thront,
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von oben bis unten bespickt mit Orden,
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und nur immer befiehlt: Morden! Morden! –
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Blut und zermalmte Knochen und Dreck . . .
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Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
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Der Kapitän hat den Abschied genommen
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und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
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Ratlos stehen die Feldgrauen da.
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Für wen das alles? Pro patria?

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Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
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Brüder! das darf nicht wieder sein!
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Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
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ist das gleiche Los beschieden
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unsern Söhnen und euern Enkeln.
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Sollen die wieder blutrot besprenkeln
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die Ackergräben, das grüne Gras?
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Brüder! Pfeift den Burschen was!
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Es darf und soll so nicht weitergehn.
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Wir haben alle, alle gesehn,
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wohin ein solcher Wahnsinn führt –

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Das Feuer brannte, das sie geschürt.
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Löscht es aus! Die Imperialisten,
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die da drüben bei jenen nisten,
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schenken uns wieder Nationalisten.
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Und nach abermals zwanzig Jahren
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kommen neue Kanonen gefahren. –
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Das wäre kein Friede.
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Das wäre Wahn.
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Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
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Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
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Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
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Will das niemals anders werden?
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Krieg dem Kriege!
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Und Friede auf Erden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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