Preußische Presse

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Kurt Tucholsky: Preußische Presse (1912)

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Niemand hat eine so große Fresse
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wie die preußische Presse.
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Und ehe wir wieder mit bunten Aurikeln
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die Harfe umschlingen
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und leise singen –
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laßt uns ein bißchen leitartikeln.

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Vor dem Kriege waren sie da,
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schrieen täglich zweimal Hurra,
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rasselten mit dem glorreichen Säbel,
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schimpften auf Auer und schimpften auf Bebel,
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beteten Gott an und die Offiziere,
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und rollten sich abends in Rudeln zum Biere.

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Soweit war das schön und gut.
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Aber Vierzehn, da schwoll ihr Mut!
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Endlich war ihre Zeit gekommen,
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auf die sie so viel Vorschuß genommen,
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von der Bernhardi immer geschrieben –
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nun hatten sie uns hineingetrieben.
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Und von ihren Freunden, den Offizieren,
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ließen sich alle reklamieren,
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und schrieben dafür die hübschesten Sachen:
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Wie weit da hinten die Mörser krachen,
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wie die braven, lieben, ordentlichen, guten
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Feldgrauen gar so gerne verbluten,
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wie sogar manchmal die Herren Obersten schwitzen,
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wenn sie beim Trinken im Stabsquartier sitzen,
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und wie so freundlich und loyal
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zu ihnen gesprochen der Herr General.
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Und so ging das ein, zwei, drei, vier lange Jahre – – –

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Aber auch diese wunderbare
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große und erhabene Zeit
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schien uns allen zu groß und weit . . .
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Und plötzlich wurde die Zeit wieder klein –
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Ludendorff fiel mit allem herein
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und besuchte plötzlich und eiligst Schweden.
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(übrigens, darüber ist nichts zu reden:
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Er tat das nur aus Gesundheitsrücksichten.
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Denn als hier zu Hause die tollen Geschichten
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sich wieder beruhigt und gelegt,
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kam er gleich wieder angefegt;
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und jetzt sitzt er an einem Geschreibe dran
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und wird zur Belohnung ein reicher Mann.)

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Aber die Presse!
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Daß ich die nicht vergesse!
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Wir dachten doch nun, jetzt seis mit ihr aus!
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Das überlebe sie nicht, dies Gebraus.
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Denn nun liegt es doch klar am Tage:
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Für wen ertönte die Totenklage?
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Wer hat die Mannschaft aufs Blut geschunden?
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Wer bereicherte sich noch an Todwunden?
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Wer klaute in viereinhalb langen Jahren
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Kantinenfonds, Marketenderwaren?
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Wem verdanken wir diese Niederlage?
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Nun, dachten wir, liegt es klar am Tage . . .

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Weit gefehlt!
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Sie haben sich gar nicht lange gequält
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und spotten schon heute voller Hohn
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auf die Revolution!
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Und wenn wir in Verhandlungen traten,
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so geschah das nur wegen der lumpigen Soldaten,
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diesen hundsgemeinen Halunken,
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und überhaupt: deshalb sei alles gesunken . . .
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Die Kerls sind an allem, allem schuld – – –

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Deutschland! hast du eine Lammsgeduld!
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Läßt dir heute nach diesem allen
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Frechheit von Metzgergesellen gefallen?
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Lern ihre eiserne Energie!
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Die vergessen nie.
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Die setzen ihren verdammten Willen
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durch – im lauten und im stillen
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Kampf, und sie denken nur an sich.
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Deutschland! wach auf und besinne dich!

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Nur einen Feind hast du deines Geschlechts!
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Der Feind steht rechts!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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