Unser Militär!

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Kurt Tucholsky: Unser Militär! (1912)

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Einstmals, als ich ein kleiner Junge
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und mit dem Ranzen zur Schule ging,
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schrie ich mächtig, aus voller Lunge,
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hört ich von fern das Tschingderingdsching.
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Lief wohl mitten über den Damm,
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stand vor dem Herrn Hauptmann stramm,
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vor den Leutnants, den schlanken und steifen . . .
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Und wenn dann die Trommeln und die Pfeifen
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übergingen zum Preußenmarsch,
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fiel ich vor Freude fast auf den Boden –
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die Augen glänzten – zum Himmel stieg
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Militärmusik! Militärmusik!

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Die Jahre gingen. Was damals ein Kind
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bejubelt aus kindlichem Herzen,
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sah nun ein Jüngling im russischen Wind
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von nahe und unter Schmerzen.
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Er sah die Roheit und sah den Betrug.
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Ducken! ducken! noch nicht genug!
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Tiefer ducken! tiefer bücken!
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Treten und stoßen auf krumme Rücken!
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Die Leutnants fressen und saufen und huren,
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wenn sie nicht grade auf Urlaub fuhren.
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Die Leutnants saufen und huren und fressen
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das Fleisch und das Weizenbrot wessen? wessen?
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Die Leutnants fressen und huren und saufen . . .
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Der Mann kann sich kaum das Nötigste kaufen.
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Und hungert. Und stürmt. Und schwitzt. Und marschiert.
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Bis er krepiert.
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Und das sah einer mit brennenden Augen
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und glaubte, der Krempel könne nichts taugen.
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Und glaubte, das müsse zusammenfallen
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zum Heile von Deutschland, zum Heil von uns allen . . .
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Aber noch übertönte den Jammer im Krieg
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Militärmusik! Militärmusik!

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Und heute?
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Ach heute! Die Herren oben
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tun ihren Pater Noske loben
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und brauchen als Stütze für ihr Prinzip
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den alten, trostlosen Leutnantstyp.
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Das verhaftet, regiert und vertobakt Leute,
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damals wie heute, damals wie heute –
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und fällt einer wirklich mal herein,
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setzt sich ein andrer für ihn ein.
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Liebknecht ist tot. Vogel heidi.
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Solche Mörder straft Deutschland nie.
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Na und –?
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Der Haß, der da unten sich sammelt,
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hat euch den Weg noch nicht verrammelt.
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Aber das kann noch einmal kommen . . . !
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Nicht alle Feuer, die tiefrot glommen
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unter der Asche, gehen aus.
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Achtung! Es ist Zündstoff im Haus!
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Wir wollen nicht diese Nationalisten,
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diese Ordnungsbolschewisten,
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all das Gesindel, das uns geknutet,
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unter dem Rosa Luxemburg verblutet.
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Nennt ihr es auch Freiwilligenverbände:
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es sind die alten, schmutzigen Hände.
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Wir kennen die Firma, wir kennen den Geist,
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wir wissen, was ein Korpsbefehl heißt . . .
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Fort damit –!
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Reißt ihre Achselstücke
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in Fetzen – die Kultur kriegt keine Lücke,
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wenn einmal im Lande der verschwindet,
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dessen Druck kein Freier verwindet.
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Es gibt zwei Deutschland –: eins ist frei,
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das andre knechtisch, wer es auch sei.
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Laß endlich schweigen, o Republik,
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Militärmusik! Militärmusik–!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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