Eisner

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Kurt Tucholsky: Eisner (1912)

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Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte
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und tatkräftig war.
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In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben
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entweder rohe Kraft, die wir mißbrauchen,
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die Gattung nennt man Patrioten – oder aber
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wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen
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und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,
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hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!
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Jedoch er hieb, daß faule Späne flogen.
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Welch eine Wohltat war das, zu erleben,
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daß einer überhaupt den Degen zog,
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ein Tapferer war und doch kein General.

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Ein Lümmel, irgendeiner von den Schwarz-Weiß-Roten
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(der letzte Zulukaffer steht uns andern näher),
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schoß ihn von hinten übern Haufen.
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Kurt Eisner starb – und lebt in unser aller Herzen!

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Was aber Trauer bitter macht und schmerzlicher den Schmerz,
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was über einer Gruft die Fäuste ballen läßt,
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ist dies:
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Die Bürger nicken.
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Es starb Jaurès, Karl Liebknecht, Luxemburg,
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Kurt Eisner –.
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Wir wissen wohl, wie jener groß war, dieser kleiner –
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wer feilscht hier um Formate! Eine Reinheit
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ging von den vieren aus,
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die leuchtete auf ihren Stirnen und den Händen.
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Und ihre Stimme sprach: Ihr sollt nicht leiden!
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Vier Schüsse und vier Särge und vier Gräber.
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Wir strecken unsre Arme in die Runde
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und klagen: »Welt! schlägst du noch immer an die Kreuze
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die, die dich lieben?«
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Und die Bürger nicken.
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Behaglich nicken sie, zufrieden, daß sie leben,
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und froh, die Störenfriede los zu sein,
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die Störenfriede ihrer Kontokasse.
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Wo braust Empörung auf? Wo lodern Flammen,
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die Unrat zehren, und sie heilsam brennen?
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Die Bürger nicken. Schlecht verhohlne Freude.
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Sie wollen Ordnung – das heißt: Unterordnung.
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Sie wollen Ruhe – das heißt: Kirchhofsstille.

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Sie wollen Brot – das karge Brot der andern.
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Und satt und schleimig – fett und vollgesogen
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hockt über diesem Lande eine Spinne:
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gelähmtes Leid, gelähmte deutsche Seelen.

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Und doch: nach allem, was bergab gegangen,
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nach dem, was uns enttäuscht und auch betrogen,
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nach Kompromiß und braven Leisetretern – –
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wir wissen ihre Werke, daß sie weder kalt noch warm
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gewesen sind. Ach, wärt ihr kalt! Ach, wärt ihr warm!
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Doch sie sind lau –
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Und dennoch, dennoch:
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Wir glauben weiter unter grauem Himmel!
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Wir warten deiner unter grauem Himmel!
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Wir wissen, daß du kommst –
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Du sollst nicht rächen.
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Doch du sollst flammen, schüren, leuchten, brennen.
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Luft! Gib uns Luft, darin wir atmen können!
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Wühl unsre Seelen auf, pflüg um die Herzen
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und löse uns von unserm deutschen Elend
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und nimm von uns das niederste der Leiden.
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Die beiden mach gesund vor allen Dingen:
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gelähmtes Land und die gelähmten Schwingen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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