Als ich Euniken lieblich zu küssen mich nahte, lachte

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Johann Gottfried Seume: Als ich Euniken lieblich zu küssen mich nahte, lachte Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Als ich Euniken lieblich zu küssen mich nahte, lachte
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Sie herzschneidend mich aus und sagte: rühre mich nicht an!
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Willst du Ochsentreiber mich schmatzen? Verwegner ich lernte
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Bäurische Küsse nicht, sondern feiner die Lippen zu schmiegen,
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Auch im Traume nicht sollst du berühren mein niedliches Mäulchen,
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Wie du blickst und sprichst wie grob und widrig dein Scherz ist!
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Ey, wie fein du redest in zierlich gedrechselten Worten,
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Zärtlich und lieblich ist dir das Kinn, süß duftend das Haupthaar;
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Gehe du Sudelmaul, geh; sieh wie die Hände dir schwarz sind!
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Wie abscheulich du riechst! Geh, du beschmutzest mir alles.

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Also sprach sie und bitter, und spie in den Busen sich drey Mahl,
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Sahe beständig mich an vom Kopf herab zu den Füßen,
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Und verzog die Lippen, und blickte verächtlich und schief an.
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Stolz auf die feine zarte Gestalt verlachte sie schnöde
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Mich und spottend, es schwoll mir aber blutend das Herzblut,
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Und vor Schmerz war die Farbe wie der thauigen Rose.
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Sie verließ mich und ging, mich griff herzbrennender Zorn tief,
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Daß das Mädchen mich lieblichen Burschen so böslich verscheuchte.
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Sagt mir, ihr Hirten, die Wahrheit, sagt mir ob ich nicht schön bin?
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Oder hat plötzlich ein neidischer Gott die Gestalt mir zerstöret?
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Kürzlich blühte doch noch mir etwas liebliche Schönheit,
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Und wie der Epheu am Baumstamm kräuselte mir sich das Milchhaar,
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Locken waren wie Kresse mir um die Schläfe gegossen,
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Und die Stirne glänzte mir weiß auf schwärzlichen Braunen.
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Freundlicher war mein Aug' als das Auge der goldnen Athene,
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Zärter als frischer Käse war mir der Mund, von dem Munde
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Floß mir süßer als Honigscheiben die liebliche Rede.
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Zauberisch ist mein Gesang, wenn ich das Haberrohr spiele,
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Wenn ich die Flöte sprech' und die Pfeif' und das hallende Zwerchrohr;
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Und auf der Bergtrift gelt' ich für schön bey unseren Weibern:
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Alle küssen mich oft, und nur die Städterinn sträubt sich.
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Weil ich ein Hirt bin lief sie davon, und weiß denn die Stolze
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Nicht, daß Bachus, der Schöne, die Kühe trieb in dem Thale?
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Nicht wie Kypris entbrannte? War nicht ihr Liebling ein Kuhhirt?
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Weidete nicht die Göttinn auf Phrygiens Bergen und küßte
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Ihren Adonis im Hain, und klagte Adonis im Haine?
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Auch Endymion war er nicht Kuhhirt? Eitle Selene
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Nicht den Hirten zu küssen? und kam von dem hohen Olympus
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Auf die Triften des Latmus daselbst bey dem Jüngling zu ruhen?
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Rhea beweinst den Hirten, durchirrtest du, hoher Kronion,
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Wegen des Hirtenknaben nicht als Adler das Luftmeer?
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Nur Eunike verweigert dem Hirten das Küßchen, und dünkt sich
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Besser als Kybele, Kypris, nicht in der Stadt, in der Trift nicht
44
Auch den Zärtling nicht küssen, und wenn du auch ewig allein schliefst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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