Schauer fassen mein Gebein, es rollen

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Johann Gottfried Seume: Schauer fassen mein Gebein, es rollen Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Schauer fassen mein Gebein, es rollen
2
Hohl und dumpf hinab die schwarzen Schollen
3
Auf den eben eingesenkten Sarg:
4
Von der Wimper glänzt des Schmerzens Fülle;
5
Sie begraben eine Erdenhülle,
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Die der schönsten Seelen eine barg.

7
Meine Mutter, hier an deinem Grabe
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Bin ich wieder der verwais'te Knabe,
9
Der ich einst vor dreyßig Jahren war,
10
Als wir alle traurig in vereinten
11
Thränen an des Vaters Grabe weinten,
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Angstvoll vor der Zukunft voll Gefahr.

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Wehmuth wurde da dein Loos und Kummer,
14
Und der Sorgen unterbrochner Schlummer
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Für uns alle: doch mit starkem Muth,
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Stärker als die Männer unsrer Tage,
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Kämpftest du empor und ohne Klage;
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Und des Lebens Abend war noch gut.

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Stille Ruhe hattest du erstritten,
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Glaubens-Einfalt waren deine Sitten,
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Sanfte Heiterkeit dein frommer Blick:
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Und gemüthlich sahen wir dich eilen,
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Ärmeren noch Hülfe mitzutheilen,
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Menschenfreundlich mildernd ihr Geschick.

25
Alle meine Freunde, die sie kannten,
26
Mit der herzlichsten Verehrung, nannten
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Freundlich sie die gute Alte nur.
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Was die Weisen loben im Gedichte,
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Himmlisch heben zu verklärtem Lichte,
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War in ihr die heilige Natur.

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Ihres kleinen Dörfchens Ulmenschatten
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Am gekrümmten Schmerlenbache hatten
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Mit dem vollen goldnen Apfelbaum,
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Höhern Reitz für sie, als alle Gaben
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Aus den Hesperiden-Gärten haben,
36
Waren mehr ihr als Golkonda's Traum.

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Wie die Sonne nach dem Sommer-Regen,
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Lächelte sie frey dem Tod entgegen,
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Ruhig sich des innern Werths bewußt;
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Wie die Frommen, beßrer Hoffnung Erben.
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Sanft hinüber zu dem Leben sterben,
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Lös'te sich der letzte Hauch der Brust.

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Weiser als die Weisen mancher Schule
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Lebte sie, in keinem weichen Stuhle,
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Thätig froh des Alters manches Jahr;
46
Und wie einsam beßre Seelentrauern,
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Mußt ich nur bey ihrem Blick bedauern,
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Daß ich nicht Epaminondas war.

49
Tauch' empor zu Geistern deiner Milde,
50
In des Urlichts leuchtende Gefilde,
51
Die nur ahnend unsre Seele schaut;
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Und es bleibe, bis wir aus den Hallen
53
Unsrer Dämmerung hinüber wallen,
54
Unser Geist dem deinigen vertraut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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