Du wagsts, in Bedlam noch, dich mit Vernunft zu brüsten

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Johann Gottfried Seume: Du wagsts, in Bedlam noch, dich mit Vernunft zu brüsten Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Du wagsts, in Bedlam noch, dich mit Vernunft zu brüsten,
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Tief tief verworfenes Geschlecht?
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Pygmäisch stehst du da auf deinen Schaugerüsten,
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Nur als Tyrann und Knecht.

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Der Unsinn gängelt dich am Zaum der Vorurtheile,
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An dem du hemionisch gehst,
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Daß nicht die schwere Hand des Geißlers dich ereile,
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Wenn du den Schedel drehst.

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Du kniest, vor Angst verstummt, vor jedem Nebelgötzen,
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Den dir Dalai Lama gab,
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Und folgest allem blind, was deine Gaukler setzen,
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Zur Unvernunft hinab.

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Du irrst, Insecten gleich, um eine Feuerflamme,
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Verbrennst die Schwingen, fällst und fluchst
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Dem göttlichen Geschenk in deines Unwerths Schlamme,
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In dem du Rettung suchst.

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Vom ältsten Nimrod an bis auf die neuste Krone
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Bestimmt der Dolch was Recht soll seyn,
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Und schreibet es in Blut; und Weh dem Unglückssohne,
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Fällt ihm ein Zweifel ein.

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Der eine zieht am Joch, damit der andre schwelge
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Und wagts der Sclav und blickt empor
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Um Trost und Licht, zerbricht des Herrschers Eisenfelge
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Ihn, wie der Hagel Rohr.

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Wo lebten je bey euch des Himmels Lieblingskinder,
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Sie, Freyheit und Gerechtigkeit?
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Sie blickten nur herab auf eine Welt voll Sünder,
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Und flohn mit Traurigkeit.

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Kaum blieb ihr Bild zurück in diesen Regionen,
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Das man nur selten ehrt und liebt.
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Selbst Aristides muß die Bösewichter schonen,
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Damit man ihm vergibt.

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Und endlich treibt das Volk, Emblem der Weltgeschichte,
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Aus seinem Kreis den reinen Mann;
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Weil es das Strafgericht von seinem Angesichte
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Nicht mehr ertragen kann.

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Man stellt mit feilem Hohn in der Zerstörer Ehre
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Des Menschensinnes Brandmark auf;
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Und eilt verrückt, als ob der Frevel Wohlthat wäre,
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Zu dem Idol hinauf.

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Die Zwingherrnkunst und Herrschbegier gewannen
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Nur durch der Andern Schändlichkeit:
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Die Sclaven werden erst, dann werden die Tyrannen;
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Und schnell zu gleicher Zeit.

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Despoten spotten hoch, und dann Oligokraten,
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Und dann des Pöbels Hefensatz:
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Dann kommt ein Demagog und setzt mit Frevelthaten
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Sich auf den alten Platz.

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Viel Gräuel hatte schon mit seines Lictors Beilen
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Des Sulla Würgerblick gethan;
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Doch schmeichelnd giftiger schlug Wunden, die nicht heilen,
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Der Knab' Octavian.

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Der Bonzen Gaunerey erzwang das Austernleben,
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Und stämpelte den Mann zum Schaf,
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Und schuf oft Sünde, nur um Sünde zu vergeben,
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Und Ruh zu Todesschlaf.

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Ihr waret stolz und kühn mit euern Meteoren,
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Und prunktet mit Philosophie:
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Wie hat das neue Licht sich wieder schnell verloren
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In alte Phrenesie!

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Man köderte die Welt mit reinen Freyheit Golde,
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Und dolchte sie in Sclaverey;
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Und hier hält Despotie des Helfers Faust im Solde,
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Und hier die Klerisey.

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Wir können also nicht das Tagelicht ertragen,
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Da man uns in die Nacht verstößt;
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Und ewig müssen wir das große Räthsel wagen,
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Das ewig sich nicht löst!

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Vom Erdengott herab bis zu dem Dorftyrannen
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Spricht Willkühr ungleich nur nach Gunst,
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Und webt das feine Garn, das ihre Söldner spannen,
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Mit tief gelegter Kunst.

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Die große Schickung lag in eines Mannes Händen:
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Der sollte wie ein Heiland seyn.
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Er fing es göttlich an; doch göttlich zu vollenden
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War noch sein Geist zu klein.

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Noch nie schien das Geschlecht, von seinem Werthe trunken,
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So hoch im Strahlenkreis zu stehn:
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Und nie ist es so tief in Kriechsucht hingesunken,
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Um tiefer noch zu gehn.

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Des Menschen Leidenschaft ist, hat sie nur erst Nahrung,
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Des Krebsgeschwüres Prototyp.
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Was sich dem Arme naht, das lehret die Erfahrung,
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Verzehret der Polyp.

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Les't die Annalen durch von Cyrus bis auf gestern,
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Und sprecht dann von Gerechtigkeit.
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Man stellt ihr Bildniß auf; und eilet es zu lästern,
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Wo man es eingeweiht.

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Man ehrt die Göttinn laut, und höhnt sie dann mit Thaten,
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Die Ariman nicht schwärzer sinnt:
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Man spricht von Menschenrecht, und hat es schon verrathen,
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Eh noch der Ton zerrinnt.

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Mit Mäklergeiste schrey'n die Afterpatrioten,
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Als bauten sie des Welttheils Glück,
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Und sinken in den Staub, verächtliche Heloten,
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Um einen Gnadenblick.

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Wer in dem Knechtsgefühl des Jammers seiner Sünde
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Zuerst ans Licht die Gnade trug,
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Verdient, daß ihm der Geist das Schrecklichste verkünde,
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Wenn seine Stunde schlug.

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Hier würgte man am Fluß mit einer Freyheitsfahne;
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Und focht ergrimmt um gleiches Recht,
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Und schleppt, mit Schande schwer, dort durch die Oceane
104
Das Negervolk als Knecht.

105
Wenn uns ein Funke blickt von Gottes Flammensonne,
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Erstickt ihn plötzlich eine Zunft;
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Und wem kein Heerszug folgt mit Waffen von Bayonne,
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Der spricht umsonst Vernunft.

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Was bleibet uns zum Trost? Nur noch die holde Schöne,
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Die uns der alte Mythus zeigt:
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Vielleicht daß Harmonie noch aus dem Mißgetöne
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Des großen Chaos steigt.

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Ich geh; wer weiß, wohin? Gewiß zu meinen Vätern.
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Vielleicht daß ein Centraljahr kommt,
115
Wo noch der Kampf zuletzt mit Narrn und Missethätern
116
Den Guten besser frommt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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