Wo man singet, laß dich ruhig nieder

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Seume: Wo man singet, laß dich ruhig nieder Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Wo man singet, laß dich ruhig nieder,
2
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
3
Wo man singet wird kein Mensch beraubt:
4
Bösewichter haben keine Lieder.

5
Wenn die Seele tief in Gram und Kummer,
6
Ohne Freunde, stumm, verlassen, liegt,
7
Weckt ein Ton, der sich elastisch wiegt,
8
Magisch sie aus ihrem Todesschlummer.

9
Wer sich nicht auf Melodienwogen
10
Von dem Trosse des Planeten hebt
11
Und hinüber zu den Geistern lebt,
12
Ist um seine Seligkeit betrogen.

13
Männer gibt es, die den Geist verhöhnen,
14
Sich hinab zu den Polypen ziehn;
15
Und dort stehn sie, wenn sie nicht entglühn
16
In des Seelenliedes Silbertönen.

17
Göttliche Begeisterer, Gesänge,
18
Weckt in euerm Labyrinthenlauf
19
Oft in mir mir meinen Himmel auf;
20
Gern verlier' ich dann mich in der Menge.

21
Mit Gesange weiht dem schöne Leben
22
Jede Mutter ihren Liebling ein,
23
Trägt ihn lächelnd durch den Mayenhain,
24
Ihm das schönste Wiegenlied zu geben.

25
Mit Gesängen eilet in dem Lenze
26
Rasch der Knabe von des Meisters Hand,
27
Und die Schwester flicht am Wiesenrand
28
Mit Gesang dem Gaukler Blumenkränze.

29
Mit Gesange spricht des Jünglings Liebe,
30
Was in Worten unaussprechlich war;
31
Und der Freundinn Herz wird offenbar
32
Im Gesange, den kein Dichter schriebe.

33
Männer hangen an der Jungfrau Blicken;
34
Aber wenn ein himmlischer Gesang
35
Seelenvoll der Zauberinn gelang,
36
Strömt aus ihrem Strahlenkreis Entzücken.

37
Orpheus alte Zauberlieder machten
38
Wilde milde; durch Amphions Laut
39
Wurden Kadmus Mauern aufgebaut;
40
Mit Gesang gewann Tyrtäus Schlachten.

41
Mit dem Liede, das die Weisen sannen,
42
Sitzen Greise froh vor ihrer Thür,
43
Fürchten weder Bonzen noch Vezier;
44
Vor dem Liede beben die Tyrannen.

45
Mit dem Liede greift der Mann zum Schwerte,
46
Wenn es Freyheit gilt, und Fug, und Recht,
47
Steht und trotzt dem eisernen Geschlecht,
48
Und begräbt sich dann im eignen Werthe.

49
Wenn der Becher mit dem Traubenblute
50
Unter Rosen unsre Stunden kürzt,
51
Und die Weisheit unsre Freuden würzt,
52
Macht ein Lied den Wein zum Göttergute.

53
Harmonie ist aller Welten Jugend;
54
Dem berauschten Weisheitsforscher heißt
55
Harmonie des Menschen hehrer Geist,
56
Harmonie dem Samier die Tugend.

57
Das Geheimniß, daß sie alle Geister
58
Mächtig fort auf ihren Schwingen trägt
59
Und in Gottes Schooße niederlegt,
60
Löset nur der große Weltenmeister.

61
Stürmend fliegt der Blick im hohen Liede
62
Durch der Orione Feuerbahn;
63
Sanfte Laute wehn uns lieblich an,
64
Und um unsre Stirne säuselt Friede.

65
Des Gesanges Seelenleitung bringet
66
Jede Last der Arbeit schneller heim,
67
Mächtig vorwärts jeder Tugend Keim:
68
Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet.

69
Selbst die Rotte schrecklicher Dämonen,
70
Die im Sturme von dem Himmel fiel,
71
Glaubet bey der Hölle Saitenspiel,
72
Fromm getäuscht, noch in dem Licht zu wohnen.

73
Männer des Gesanges, eure Seelen
74
Ziehn den Himmel oft zu uns herab:
75
Wer, wem Gott nicht seinen Funken gab,
76
Kann den Segen eurer Schöpfung zählen.

77
Höher wird des Urgeists Macht und Ehre,
78
Die den Welten ihre Bahnen schmückt,
79
In dem Endlichen nicht ausgedrückt,
80
Als in euerm Harmonienmeere.

81
Männer, nehmt den Dank, den ihr erworben,
82
Für die Seligkeiten, die ihr schuft:
83
Wen nicht ihr zu seiner Würde ruft,
84
Ist für alle Tugenden erstorben.

85
Lieder spielen, wie mit Wachs, mit Herzen;
86
Rührt der Sänger nur den rechten Ton,
87
Schnell ist alle Seelenangst entflohn,
88
Schweigen Stürme und entschlummern Schmerzen.

89
Lieder sind in jener Strahlenwohnung,
90
Wo der Blick ins Empyreum taucht
91
Und das Licht der Geister Leben haucht,
92
Der verklärten Heiligen Belohnung.

93
Wenn die Sprache stirbt von meinem Munde
94
Und der Schauer mein Gebein durchläuft,
95
Und mit Eisenarm der Tod mich greift;
96
Singt ein Lied zu meiner schönen Stunde!

97
Mit geprüfter Seelenweisheit haben
98
Unsre Väter längst für uns gedacht,
99
Lassen mit Gesang zur guten Nacht
100
Für den bessern Morgen uns begraben.

101
Täuscht uns nicht ein Ton aus jenen Chören,
102
Werden wir dann unter Sphärentanz
103
Mit dem Lichtblick durch die Sonnen ganz
104
Dort den großen Musageten hören.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.