Nun darf ich nicht lesen, nun darf ich nicht schreiben

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Johann Gottfried Seume: Nun darf ich nicht lesen, nun darf ich nicht schreiben Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Nun darf ich nicht lesen, nun darf ich nicht schreiben,
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Und muß mir mit Grillen die Tage vertreiben:
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Da sitz' ich denn hier, ich erbärmlicher Tropf,
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Mit brausendem übel zerrütteten Kopf.

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Ich hab' in der neuen Welt und in der alten
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Zu Wasser und Lande manch Stürmchen gehalten,
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Und manche Kartatsche flog glücklich vorbey;
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Nun brach ich fast selbst mir den Schedel entzwey.

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Herr Eckold, der Meister, schnitt rüstig und blickte,
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Was unter und über dem Schlafe mich drückte,
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Und sondete klüglich bis nah an das Ohr,
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Und drehte das Knochenfragmentchen hervor.

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Das dröhnte, das wühlte, das brannte von innen,
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Als wollte das Hirn in dem Kasten zerrinnen,
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Als bräche der Knöchler von oben herein:
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So trennt sich mit Wuth nur ein Zöllchen Gebein.

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Hier lungr' ich indessen, mit Blindheit geschlagen,
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Bey schuftigem Schedel und herrlichem Magen,
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Den Kopf in der Binde, und träume mit Ruh
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Von Hirngicht und Knochenfraß etwas dazu.

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Der Schmerz ist ein Übel von Upsal bis Goa,
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Trotz aller Behauptung der Herrn aus der Stoa:
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Doch darum hat man mit der Weisheit gedingt,
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Damit sie den Schmerz und das Übel bezwingt.

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Der Mann nimmt die Schickungen, wie sie ihm kamen;
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Und wer dann nicht Kraft hat, verdient nicht den Nahmen,
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Was wäre denn unsere Philosophie?
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Hilft sie nicht, wenns Noth ist, so braucht man sie nie.

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Ich hätte ja schändlich die Jahre versplittert,
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Wär' ich jetzt ein Knabe, der weinerlich zittert.
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Wem Tod und Gefahren noch fürchterlich sind,
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Der bleibt für die Wahrheit wohl ewig ein Kind.

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Schon wird es, Dank sey es der Zang' und dem Messer,
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Schon wird es ums Auge mir leichter und besser.
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Der Unfug hat Luft und die Splitterchen drehn
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Sich sanft, um ganz sanft ihre Wege zu gehn.

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Es kommen die Freunde mit traulichem Wesen,
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Den Zustand bey jedem Verbande zu lesen.
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Das thut denn doch gütlich; so nimmt man den Schnitt,
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Den Schmerz, die Verknorplung, die Narbe noch mit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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