Lauschend stand ich und horchte dem leisen Flüstern der Mädchen

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Johann Gottfried Seume: Lauschend stand ich und horchte dem leisen Flüstern der Mädchen Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Lauschend stand ich und horchte dem leisen Flüstern der Mädchen,
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Wie sie die lieblichen Näschen in tiefer geheimer Berathung
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Ämsig zusammen stießen, und mit den Händen die Züge
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Eines großen Versuchs in Labyrinthen sich zeigten.
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Aber ich armer Profaner vermochte den Sinn nicht zu fassen,
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Den die Mystagoginn die schönen Geweiheten lehrte.
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Schnell wie das schnurrende Rädchen sich drehet, zerstreute der Chor sich
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Pythagorisch umher, und brachte in zierlichen Vasen,
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Immer geheimnißvoller, sehr viel verdeckte Substanzen.
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Schloß sich dichter zusammen, und goß Gerüche der Stauden,
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Immer geheimnißvoller, durchs magisch erleuchtete Zimmer.
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Weitzen so däuchte mich, wurde geschüttet, und Wasser gegossen
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Und das Flüstern ward leiser und immer dichter der Zirkel;
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Und ich spähte mit Augen und Ohren des werdenden Werkes,
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Sahe die Paste sich ändern in immer neue Gestalten
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Unter den niedlichen Händen; wie einst der weise Prometheus
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Über dem Stoffe mit Liebe hing, und Schöpfungen dachte.
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Schüchtern und furchtsam schlich ich dem heiligen Adyton näher,
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Als der Jüngerinnen behendeste zürnend hervorbrach,
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Mit Mänadengesicht, und mich im Sturme zurückwarf.
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Weiche, Verwegner, von hier, rief gottbegeistert die Thyas,
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Daß der Zorn der Geweihten dir nicht Verderben bereite,
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Dich nicht das Schicksal ergreife des alten thrazischen Sängers,
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Dich ihm ähnlich zu machen im Tode, im Leben nur Stiefsohn –
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Wie des Richters Stimme, die ewig zur Nacht verdammet,
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Stürzte sich schrecklich das Drohn mir durch die tiefsten Gebeine,
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Und ich wankte von den Furchtbarn stille mit Angst fort.
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Aber die Gier zu wissen, was aus den Geschenken der Ceres
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Und dem Strom der Najade und den Gewürzen des Indus
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Mystisch die Nymphen bereiteten, faßte mit eiserner Macht mich,
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Trieb mich mit Unruh hinauf und herab, hinaus und herein, trieb
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Mich durch die Wandelgänge des tiefen schattigen Haines,
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Durch die Gewinde der Thäler am Ufer des rieselnden Baches;
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Trieb mich in Abenddämmrung zurück, zu den Hallen der Themis,
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Wo mit Hefen bemahlt und mit Mennig die fröhliche Bande
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Eines Thespis zum Lethe der Sorgen ihr lärmendes Spiel gab.
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Aber der Wastel tyrolte umsonst; ich sahe die Schwestern
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Mit dem geweiheten Werk im heiligen Rathe beschäftigt:
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Des paradiesischen Schikaneders erhabener Geist ging
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Bey mir Undankbaren in der Pastete verloren;
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Und in den Träumen umgoß mein Gehirn der zaubernde Morpheus
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Reichlich mit Kanephoren und eleusinischen Dingen.
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Schon zwey Stunden hatte mit Rosenblicken der Morgen
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Meine Lagerstätte vergoldet und weckte den Träumer.
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Rüstig entsprang ich den Federn der Nacht und bethete leise
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Zu Aglajens Schwestern und ihr, mir gnädig zu werden.
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Sinnig durchzählt' ich mit Fleiß nun alle Familienfeste,
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Alle Kalender der häuslichen Nahmen und jeden Geburtstag,
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Welche die Mädchen so gern mit Überraschung begrüßen:
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Und ich konnte keinen der festlich gefeyerten finden.
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Höher stieg nun der Vorwitz, und drohte zu bersten, und führte
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Hierher und dorthin den Späher; da sah ich, da klopfte das Herz mir,
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Unansehnlich wie stilles Verdienst, die bräunlichen Kuchen
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Auf den Tischchen der Ecke in wahrer Bescheidenheit liegen.
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Ha, das sind die Mysterien selbst, von denen der Zorn mich
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Der eleusinischen Schwestern, mich den Profanen, zurückwies.
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Einsam beschaut' ich das Heiligthum, und schauerte tief auf
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Vor der Kühnheit es mit unheiliger Hand zu beruhren.
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Ambra umduftete mich, und mächtig riß mich der Geist hin,
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Zu der verwegenen That; da nahm ich das mystische Schaubrot,
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Meinem Schicksal entgegen mich stürzend, und brach es begierig,
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Siehe da ward das Auge mir hell, da quollen die Locken
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Lieblich athmend hervor aus dem geöffneten Kerker;
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Zierliche Locken, in süße Rede der Muse geschlagen,
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Daß die Grazien sie die zaubernden Wallungen lehrten.
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Rüstig zerstört' ich mit stürmender Faust ein Felsengefängniß
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Nach dem andern; da lagen vor mir die braunen und blonden
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Rhythmisch geschlungenen Ringel und wichen dem Finger elastisch.
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Als ich so blickt' und wühlt' und sakrilegisch mich freute,
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Hört' ich, mein Blut stand, plötzlich von fern das schreckliche Sistrum
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Der Geweiheten klirren, und kaum ermannt' ich zur Flucht mich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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