Ich fühle sie, die Wohlthat deiner Wonne

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Johann Gottfried Seume: Ich fühle sie, die Wohlthat deiner Wonne Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Ich fühle sie, die Wohlthat deiner Wonne,
2
Wie sie durch alle Nerven lebt:
3
Jetzt, jetzt gib mir ein Lied, du großer Geist der Sonne,
4
Die dort am Saum der Saaten schwebt.

5
Sie wogt hinab, und ihre Ströme gießen
6
Noch Purpur durch das Blumenthal;
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Des Berges Schedel glänzt, die Schatten werden Riesen
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In ihres Goldes letztem Strahl.

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Mit Jubel ruft das Chor der kleinen Sänger
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Der Scheidenden noch lauten Dank
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Auf jedem Zweige nach; und feuriger und länger,
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Als sie in Lichtfluth nieder sank.

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Rund tönt umher aus den geschmückten Fluren.
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Tief aus dem seelenvollen Hain,
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Des Mayes Feuergeist durch alle Kreaturen,
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Die sich des neuen Lebens freun.

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Erquickend steigt der Balsam aus der Nische,
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Die Florens schönste Kinder deckt,
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Empor zum Hügel, wo das Nachtigallgebüsche
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Den Wiederhall der Grotten weckt.

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Ein leiser West, der nur den Zweig durchbebet,
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Trägt labend einen Blüthenguß,
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Und auf der Wange glüht, daß weit die Brust sich hebet,
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Des jungen Lenzes Heilungskuß.

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Ein Mädchenreihn schlingt dort, geschmückt mit Kränzen,
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Sich durch die Ulmengänge hin;
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Und laute Fröhlichkeit ist unter leichten Tänzen
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Der wandelnden Begleiterinn.

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Der Frühling mahlt in seiner Abendröthe
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Mit reinern Farben ihr Gesicht,
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Indeß vom Felsensitz des Jünglings Silberflöte
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Nur jetzt verstandnen Zauber spricht.

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Das Labyrinth der Quellen und der Bäche
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Ist des erwachten Lebens voll,
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Und überall berauscht, im Hain und auf der Fläche,
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Die Freude, die von neuem quoll.

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Tief aus der Schlucht kommt unter alten Buchen,
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Die viel Geschlechter leben sahn,
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Der Herden Glockenspiel, die die Gefährten suchen,
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Den Weg zur Meyerey heran.

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Der Städter grüßt den Mann mit grauen Haaren,
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Der froh ins Meer der Saaten blickt
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Und seine Hoffnung zählt, und wallt zu seinen Laren,
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Durch Gottes Athem neu erquickt.

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Der Tod hat sich dem Mann ins Herz gegossen,
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Vor dem des Jahres schönster Tag
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Mit seinem ganzen Schatz heut schwer und ungenossen.
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Wie eine Leichendecke lag.

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Dort flockt sich schwach das letzte Licht zusammen,
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Und netzt mit seinem Strahlenfluß
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Noch sanft des Abends Rand, und schon blickt milde Flammen
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Uns Lune dort und Hesperus.

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Mit freudiger und ehrfurchtsvoller Feyer
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Betretet jetzt die junge Flur,
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Und bethet heilig an vor dem geweihten Schleyer;
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Es ist die Brautnacht der Natur.

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Begrüßt den May mit einem höhern Liede,
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Und mit des Jubels Reihentanz:
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Auf unser Vaterland blickt wieder goldner Friede,
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Mit Öhlzweig und mit Weitzenkranz.

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Der Schwefelhauch, der wie die Pest verzehrte,
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Verliert sich wie ein Fiebertraum:
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Der Eisenzug des Kriegs, der Hain und Flur verheerte,
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Macht nun dem Pfluge wieder Raum.

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Schon pflügt das Roß, das sonst am Feuerschlunde
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Laut brausend zum Verberben zog;
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Und Fleiß und Eintracht gehn nun freundlich in dem Grunde,
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Wo jüngst des Kampfes Donner flog.

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Verlaß uns nicht, wohlthätigster und bester
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Der Genien, verlaß uns nicht,
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Und zieh das schöne Band mit jedem Tage fester,
72
Das Brüder sanft an Brüder flicht:

73
Daß nicht mit Spott der Willkühr blinde Schergen
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Die Saaten vor der Blüthe mähn,
75
Und mit der Schanzaxt nicht auf unsern Traubenbergen
76
Verwüstend auf und niedergehn;

77
Daß die Vernunft der Gottheit Tempel ziere
78
Und Weisheit, die zum Glücke lenkt,
79
Und nur Gerechtigkeit und Menschlichkeit regiere,
80
Bey Freyheit, die mit Segen tränkt. –

81
Dort glühn sie auf die Myriaden Sonnen:
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Wer zählt die Zahl und mißt den Lauf?
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Wer zeigt uns rhythmisch an, wie sie die Bahn begonnen,
84
Und löst den Labyrinthgang auf?

85
Ich möchte jetzt die Schranke nieder schlagen,
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Die die Natur für mich noch zieht,
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Mich mit vermeßnem Schritt in die Gestade wagen
88
Wo man die Welt im Urlicht sieht.

89
Mein Auge stürzt durch Herschels tiefste Ferne,
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Wo kaum noch unsre Sonne graut;
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Und findet dort durch alle Nebelsterne
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Das Unermeßliche bebaut.

93
Und trunken sinkt das Ohr mit Philomelen
94
Zurück in eine süße Ruh,
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Und hört in ihrem Lied der Harmonie der Seelen
96
Im großen May der Geister zu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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